Die „alte-schleihalle“ freut sich darüber, ihrer Leserschaft einen bisher als verschollen geglaubten Kulturtonfilm aus dem Jahr 1935 präsentieren zu können. Ein Leser dieser Seite, Herr Naeve,  hat vor einiger Zeit eine 35mm Filmspule mit einem alten Schleswig-Film erworben. Weitere Angaben zur Herkunft des Filmes wollte oder konnte der Verkäufer nicht machen.

Herr Naeve hat sich daraufhin an die der „alten-schleihalle“ gewandt und gefragt, ob dieser Film bekannt sei und nach weiteren Informationen gefragt. Leider konnte ich zunächst auch nicht weiterhelfen.  Als erste Maßnahme haben wir den 35mm Film auf eigene Kosten digitalisieren lassen, um ihn uns auf dem Bildschirm anschauen zu können.

Nun wussten wir, dass der Film „Schleswig an der Schlei“ von Herbert Kebelmann produziert wurde. Das war schon eine kleine Sensation, denn Kebelmann war Kameramann bei einigen Leni Riefenstahl Filmen, wie z.B. „Triumph des Willen“ (1934/35) oder „Fest der Schönheit (1936-38).
Der Schleswiger Heimatforscher Dr. Falk Ritter schreibt in seinem Aufsatz über das Schleswiger Kinowesen und das aufkommende Fernsehen, dass dieser Film als verschollen gilt. Als Produktionsjahr gibt Ritter das Jahr 1936 an, was sich im weiteren Verlauf der Recherche aber als nicht richtig ergab.
Als nächsten Schritt musste herausgefunden werden, wer im Besitz der Filmrechte ist, denn die „alte-schleihalle“ hatte natürlich die Absicht, diesen bisher unbekannten Film ihrer Leserschaft zugänglich zu machen. Eine erste Anfrage beim Landesfilmarchiv Schleswig-Holstein verlief negativ. Mir wurde mitgeteilt, dass dieser Film dem Archiv nicht bekannt sei und dass man sich über eine Kopie dieses Filmes freuen würde. Keine weiteren Fragen danach, wie dieser Film nun wieder aufgetaucht ist.
Als nächtes habe ich das Bundesfilmarchiv angeschrieben, nach einigen Wochen erhielt ich die Antwort, dass der Film auch dort nicht bekannt sei, aber es wurde herausgefunden, dass dieser Film von der Tobis-Filmgesellschaft verlegt wurde. Rechtsnachfolger aller Tobis-Filme ist die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden.
Nach mehreren Wochen hat die Murnau-Stiftung dann endlich meine dritte Email-Anfrage beantwortet. Der Film „Schleswig an der Schlei“ gehört tatsächlich zum Bestand der Filmstiftung und auch die Filmrechte liegen bei dieser Stiftung. Freundlicherweise wurde der „alten-schleihalle“ erlaubt, den Film für einen zunächst begrenzten Zeitraum veröffentlichen zu dürfen. Da der Stiftung keine Kopie des Filmes vorlag, habe ich der Stiftung eine Kopie zukommen lassen. Von der Murnau-Stiftung kam dann noch der Hinweis, dass eine Kopie dieses Filmes im Bundesarchiv vorhanden sei. Somit war dieser Film keineswegs verschollen, sondern allenfalls in Vergessenheit geraten.

Im Rahmen einer weiteren Recherche wurde dieser Bericht der Schleswiger Nachrichten vom 25.Februar 1935 gefunden, in dem über die Dreharbeiten zu diesem Film berichtet wird:

Schleswig wird gefilmt! – Es ist gelungen, den bekannten Berliner Kameramann Kebelmann, der sich durch bedeutende Kulturfilme – Rügen, Kieler Marine-Volkswoche, Ueberlingen usw. – und durch seine Mitarbeit an Leni Riefenstahls grandiosem Film „Triumph des Willens“ einen Namen machte, für eine Verfilmung der Regierungshauptstadt Schleswig zu interessieren.
Kebelmann, der als einer der ersten die filmische Überbetonung der Schönheiten süddeutscher Landschaften erkannte und sich bewußt die Aufgabe stellt, die Besonderheiten in Deutschlands Norden mit der Kamera einzufangen, traf Sonntag abend mit seinem Assistenten Karl Noack in Schleswig ein.
Unter Führung unseres Hauptschriftleiters, der nach klärendem Briefwechsel die Vorbereitungen zu diesem Unternehmen getroffen hatte, begann dann am Montag die Fahrt kreuz und quer durch Schleswig, die den Berliner Film-Männern die wesentlichen Charakteristika unserer Stadt vor Augen führte und immer neue Überraschungen brachte, da Herrn Kebelmanns untrüglicher Bild-Instinkt ungeahnte Entdeckungen vermittelte.
Von Brüggemann´s weltberühmten Altar zum idyllischen Holm und verwitterten St. Johanniskloster, vom Dach des Rathauses in den Hof des Grauklosters, von der Pastorenstraße zum Plateau der Gallbergschule, von der Neustadt zum Oer, vom Marienbad zur Grabstätte Brockdorff-Rantzaus, vom Tiergarten zum Chemnitz-Bellmann-Denkmal…

Da wurde Herrn Kebelmann der Wunsch zur Gewißheit: Der Kulturtonfilm wird gedreht, nicht nur, weil die Motive lohnend und reizvoll sind, sondern auch, weil die unerschöpfliche Fülle von Schleswigs Natur, Geschichte und Kultur geradezu eine Verfilmung verlangt! Und so wurde gestern morgen mit Volldampf gekurbelt, nachdem auch das städtische Verkehrsamt und der Leiter des Preußischen Hochbauamtes einige Hindernisse aus dem Weg geräumt und sich fördernd für die gute Sache eingesetzt hatten.
Daß der Film, den die meisten Lichtspieltheater Deutschlands und auch des Auslandes zeigen werden, etwas Besonderes wird, steht ohne Zweifel, da Herr Kebelmanns Name die Gewähr für einen künstlerisch wertvollen Kulturtonfilm bietet. Die Aufnahmen werden in diesen Tagen fortgesetzt. Hoffentlich hat Petrus ein Einsehen.“

 

Anmerkung:
Für eine anfängliche Verwirrung sorgte das Vorhandensein eines Drehbuches aus dem Jahr 1938 für einen Kulturtonfilm „Die Stadt an der Schlei“ im Gemeinschaftsarchiv Schleswig Flensburg. Die Stadt Schleswig hatte damals die Absicht, von der Nordmark-Filmgesellschaft einen Kulturtonfilm produzieren zu lassen. Aus dem damaligen Schriftwechsel geht jedoch hervor, dass dieser Film aus kostengründen nicht hergestellt worden ist. Lediglich das Drehbuch wurde geschrieben und ist bis heute erhalten.
Auf der Jubiläumsveranstaltung zum 50jährigen Bestehen der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte 2006 gab Dr.Dirk Jachomowski vom Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv bekannt, dass er auf der Suche nach diesem Film sei. Jachomowski war der festen Überzeugung, dass dieser Film von 1938, dessen Drehbuch ja noch existiert, durch die Kriegsereignisse verloren gegangen sei. In den Schleswiger Nachrichten erschien sogar ein Aufruf nach der Suche dieses angeblich verschollenen Films, der laut Jachomowski womoglich „irgendwo auf einem Dachboden liegen könnte.“ Weiterhin äußerte Jachomowski die Hoffnung, weitere alte Filmaufnahmen aus Privatbeständen erhalten zu können.
Wie bereits o.a. hat die „alte-schleihalle“ das Landesarchiv über den wiederentdeckten Schleswig-Film von 1935 informiert, stieß aber nur auf Desinteresse.

 

 

Schleswig an der Schlei (Herbert Kebelmann, 1935):

 

Youtube-Link: https://youtu.be/XKRsfuC4MsI

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