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Spatenstich Feuerwache Kattenhunder Weg

 

 

Viele ältere Schleswiger (wie z.B. mein Vater) können sich an ein Barackenlager erinnern, das bis Mitte der 1960er Jahre gegenüber der dänischen Schule an der heutigen Königsberger Straße gelegen hat. Im Norden grenzte das Lager an den damaligen Galgenredder, der zu jener Zeit in den Kattenhunder Weg mündete.
Nach der heutigen Straßenbezeichnung lag das Areal des Lagers zwischen der Königsberger Straße im Süden und der Kasseler Straße im Norden. Die heutige Stettiner Straße und der Heisterweg führen mitten durch das ehemalige Barackenlager.

Barackenlager Kolonie Kattenhunder Weg
Das Lager im April 1945.
Im unteren Bildbereich ist die Kreuzung
Kattenhunder Weg/Mühlenredder/Berliner Str. zu sehen.
Östlich des Kattenhunder Weges liegt der Domfriedhof.



Das Lager hatte die offizielle Anschrift „Kolonie“ am Kattenhunder Weg. Untergebracht waren dort mittellose Personen und Familien, die ohne dieses Lager wahrscheinlich keine Unterkunft gehabt hätten. In der Amtssprache hießen die Baracken „Notwohnungen für Exmittierte“.
Bereits vor dem ersten Weltkrieg wurden die Massivbauten errichtet und als Schweineställe benutzt. Nach dem Krieg herrschte eine große Wohnungsnot in Schleswig, die Schweineställe wurden zu Wohnungen umbebaut.
Die Holzbaracken sind erst in den 20er Jahren gebaut worden, ebenfalls als Maßnahme zur Eindämmung der Wohnungsnot.

In dem Jahr 1933 beabsichtigte der Magistrat der Stadt Schleswig „in die Kolonie am Kattenhunderweg eine Wohnbaracke zur Unterbringung von 6 Familien zu errrichten“. Diese Wohnbaracke wurde von der Stadt Schleswig in Flensburg käuflich erworben.
Aus dieser Formulierung ergibt sich, daß die Kolonie 1933 bereits vorhanden war und um eine Baracke erweitert werden sollte.

Barackenlager Kolonie Kattenhunder Weg
Lageplan – Das Lager 1933.
1 – Kattenhunder Weg
a – Zwei Steinbaracken
b – Zwei Holzbaracken

 

Barackenlager Kolonie Kattenhunder Weg
Luftbild – Das Lager im April 1945.
1 – Kattenhunder Weg
2 – Zwei Steinbaracken
3 – Zwei Holzbaracken
4 – Stallgebäude
5 – Kleingärten der Lagerbewohner



Das Lager bestand 1933 aus zwei Steinbaracken und zwei Holzbaracken. Die nördliche Holzbaracke ist diejenige, welche im August 1933 zusätztlich errichtet wurde. Abseits der Baracken war das Gemeinschafts-Abort. Nördlich der Baracken war das Land in 27 Parzellen unterteilt, dort konnten die Bewohner Obst und Gemüse anbauen. Auf der Parzelle Nr.5 war außerdem ein kleiner Teich vorhanden.

Auf dem obigen Plan sind vier rot gekennzeichnete Gebäude zu sehen. Es handelt sich um Ställe, die im Jahr 1935 errichtet wurden. Diese Ställe waren aus Ziegelstein hergestellt und hatten ein Dach mit „Pappe auf Schalung“. Die zum Teil unterkellerten Gebäude enthielten Schweine-, Hühner- und Feuerungsställe.

1934 wurde von der Stadt anscheinend eine Vergrößerung des Lagers angedacht. Es sollte eine weitere Baracke mit insgesamt 12 Notwohnungen errichtet werden. Ob diese oder weitere Baracken tatsächlich gebaut wurden, ist nicht dokumentiert. Auf dem Luftbild von 1953 sieht die Anlage jedenfalls so aus, wie auf dem Lageplan von 1933.
Die Baracken enthielten jeweils sechs Notwohnungen, so daß ab 1933 in dem Lager 24 Familien/Einzelpersonen unterkommen konnten. Geht man jedoch davon aus, daß jeder Notwohnung eine Parzelle Gartenland zugeteilt wurde, waren in dem Lager 27 Notunterkünfte vorhanden, möglicherweise waren in den größeren Stuben zwei Wohneinheiten untergebracht.
Eine „Wohnung“ bestand aus einer Stube und einer Küche. Als Toilette wurde ein Gemeinschaftsabort benutzt, daß im östlichen Koloniebereich vorhanden war. Die Stuben hatten eine Größe von 12 qm – 20 qm, die Küchen waren zwischen 15 qm und 20 qm groß.
Beheizt wurden die Wohnungen mit Öfen, die Versorgung mit Licht und Wasser erfolgte durch den Anschluß an das städtische Straßennetz.

Am 14.11.1942 wurden die Bewohner der östlichen Steinbaracke Opfer eines Schadenfeuers. In einer der Notwohnungen war ein Brand ausgebrochen, die Feuerwehr war seit etwa 16.00 Uhr im Löscheinsatz. Von den sechs Wohnungen blieben nur zwei vom Feuer verschont, die anderen vier Wohnungen sind durch den Brand so stark beschädigt worden, das sie unbewohnbar wurden. Zwei Familien wurden von Verwandten bzw. Bekannten aufgenommen, den anderen beiden Familien wurde durch den Stadtinspektor Behrens eine Unterkunft in einem Pflegeheim zugewiesen.

Aus dem Adressbuch der Stadt Schleswig aus dem Jahr 1950 geht hervor, dass das Barackenlager 25 Anschriften hatte, Eigentümer des Lagers war die Stadt Schleswig, Grundstücksamt.
Die Adressen lauteten „Kattenhunder Weg, Kolonie“ und hatten die Hausnummern 1 bis 27, wobei die Nr.3 und Nr.19 nicht vergeben waren. In diesen 25 Wohnungen waren zu diesem Zeitpunkt insgesamt 49 Personen untergebracht.
Über die Bewohner der Kolonie ist leider nichts weiter bekannt. In dem Buch „Schleswig in der Nachkriegszeit“ wird die Kolonie von der Zeitzeugin Ingrid Thomsen erwähnt :

„…Ich fühlte mich zur „Kolonie“ hingezogen. Sie lag am Ende unseres heimischen Kattenhunderweges und war bekannt als Armensiedlung. Der Altwarenhändler Brendemühl kam damals ziemlich abgerissen mit seinem Hundegefährt täglich von Kattenhund herunter. Der Lumpenhändler war wohl angesehener in unserem „besseren“ Kattenhunderweg als die Menschen aus der „Kolonie“….“

Weiter heißt es :

„…Von den Dänen wußten wir bis dahin, ich war wohl mittlerweile acht Jahre alt, daß oben in der „Kolonie“ ein paar davon saßen, angeblich schmutzige, freche Gören und Taugenichtse. Übliche Elterndrohungen damals: „Du benimmst Dich ja wie ein Gör von der „Kolonie““, oder „Wenn Du nicht artig bist, kommst Du zur „Kolonie“!“ Diese Vorurteile waren schlichtweg gedankenlos. In Wirklichkeit lebten dort arme Familien in ungefähr zwanzig einfachen Holzhütten als Notquartier…Die Koloniekinder besuchten die Ansgarschule,…“

Ich gehe davon aus, daß die Anzahl der Hütten aus kindlicher Sicht überschätzt wurde. Dokumentiert ist lediglich die Existenz von vier Baracken, vier Ställen und einem Abort.

Die Kolonie wird auch in dem Buch „Schleswig im Nationalsozialismus – Zeitzeugenberichte 2“ von Herrn Erich Koch erwähnt :

„Andere ´Plünderer´ hatten sinnvollere Dinge im Auge, wie Kohlen, Möbel, Bekleidung, Küchengeschirr, Wolldecken, Bettwäsche. Ich bekam den strengen Hinweis, keines dieser Dinge in unser Haus zu holen.
Für meine Eltern war es zum einen eine strafbare Handlung und zum anderen unter ihrer Würde, sich Dinge anzueignen, die ´Volkseigentum´ waren.
So begleiteten wir sogar mit einer gewissen Häme den Abtransport von Büromöbeln durch Leute, von denen wir wußten, daß sie in der sogenannten ´Kolonie´wohnten, dem Barackenlager am Kattenhunder Weg der vom Bürgertum Ausgestoßenen. Wir hielten diese Gegenstände in ihren Wohnungen für sinnlos. Daß diese Leute viel praktischer dachten, war uns in unserer nationalsozialistischen Arroganz nicht klar geworden : die Möbel sollten nicht als Möbel, sondern als Brennmaterial dienen.“

Barackenlager Kolonie Kattenhunder Weg
Das Lager war sogar im Stadtplan von 1953 verzeichnet.

 

Auf der Internetseite Das Klassentreffen von Gerd Tams heißt es :
B. Fischer :
„Mein Großvater (Jahrgang ’20) hatte mir als Kind immer von Fußballspielen berichtet, die er gespielt hatte. Die Kinder und Jugendlichen hatten sich wohl in der Vorkriegszeit zu Mannschaften zusammengeschlossen, die ein wenig die Herkunft repräsentierten. Er sprach gern von den Duellen „Stadtfeld“ gegen „Schweineställe“. Weiss jemand, wo sich diese Schweineställe befanden?“

Darauf antwortet K. Dibsi :
„Soweit ich mich erinnere waren die Schweineställe in der Königsberger Str. gegenüber der Dänischen Schule. Sie lagen ziemlich versteckt und wurden so genannt, weil es da sehr schmutzig war. Ich habe im Heisterweg gewohnt und bin auf meinem Schulweg daran vorbei gekommen.“

Barackenlager Kolonie Kattenhunder Weg
Das Lager auf einem Foto der 50er Jahre.
In der Bildmitte ist die Kolonie zu erkennen. Links der Kattenhunder Weg,
in der rechten Ecke verläuft die Königsberger Straße. Im Vordergrund der Heisterweg.



Der Großvater der Schleswigerin S.Römer, Oskar Scheffel, wohnte ebenfalls in dieser Kolonie. Aus seinen Papieren geht hervor, dass auch Vertriebene dort untergebracht wurden, bevor sie in das Minerva-Lager umgesiedelt wurden. Die Kolonie hatte laut dem Ausweis von O.Scheffel die Anschrift Kattenhunderweg 8.

Barackenlager Kolonie Kattenhunder Weg
Ausweis von Oskar Scheffel

 

Barackenlager Kolonie Kattenhunder Weg.
Ausweis von Oskar Scheffel.

 

Bereits im September 1956 berichteten die Schleswiger Nachrichten über die Kolonie am Kattenhunder Weg. Die Baracken seien ein Fremdkörper im neu errichteten Stadtteil. Im Herbst 1956 begann die Wohnunsbaugesellschaft Schleswig-Holstein mit der Errichtung von 27 Wohnungen in der Königsberger Straße. Diese Wohnungen waren für Landesbedienstete gedacht.
Weiterhin plante die Wohnungsbaugesellschaft zu jenem Zeitpunkt, das Gelände des Barackenlagers mit zweigeschossigen Wohnblöcken zu bebauen.
1956 wurde der Abriß des Barackenlagers schon angekündigt.

Die letzten amtlichen Vermerke gibt erst wieder ab dem Jahr 1964. Ein Bewohner der Kolonie beantragte die Aufstellung eins Ölofens. Ein Jahr später wurde die Kolonie abgerissen.
Einer der letzten Bewohner der Kolonie wird in den 70er Jahren namentlich als Bewohner des Minerva-Lagers aufgeführt. Wahrscheinlich sind noch weitere Kolonie-Bewohner in das damalige Minerva-Lager an der Husumer Straße, das bis Mitte der 70er Jahre von der Stadt zur Unterbringung von sozialschwachen Familien verwendet wurde, umgesiedelt worden.


Quellen: Gemeinschaftsarchiv des Kreises Schleswig-Flensburg und der Stadt Schleswig
Adressbuch der Stadt Schleswig 1950, Privatarchiv
„Schleswig in der Nachkriegszeit“ – Zeitzeugenberichte Teil 1
„Schleswig im Nationalsozialismus“ – Zeitzeugenberichte Teil 2
Schleswiger Nachrichten 26.09.1956
Das Klassentreffen von Gerd Tams
Luftbild-Datenbank

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