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7. Nacht der Schleilichter

Der heute 58jährige Günter Wulf wurde 1968 in das Landeskrankenhaus Schleswig-Hesterberg eingewiesen und verblieb dort sechs lange Jahre.
Hier erzählt Günter Wulf seine schrecklichen Erlebnisse, die ihm in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Schleswig-Hesterberg widerfahren sind.

Anm.: Aus rechtlichen Gründen sind die Namen von Pflegern und anderen Patienten gekürzt.

Der Artikel ist in drei Abschnitte gegliedert:
I. Der Zeitzeugenbericht von Günter Wulf
II. Anhänge
III. Letzter Rundgang durch Haus F im Jahr 2015



Die Anstalt Hesterberg um 1955
Die Anstalt Hesterberg um 1955



I. Der Zeitzeugenbericht von Günter Wulf

1. Der Mutter weggenommen
Als uneheliches Kind wurde ich im Jahre 1959 geboren und meiner Mutter weggenommen. Sie könne mit Kindern angeblich nicht umgehen, hieß es. Meine Mutter erzählte mir viele Jahre später, was geschehen war. Im Alter von sechs Wochen wurde ich ihr vom Jugendamt in einer Nacht- und Nebelaktion weggenommen. Meine Mutter wollte mich eines Tages auf der Säuglingsstation besuchen und stand plötzlich vor einer leeren Krippe.
Von dort aus kam ich in das Kinderheim Neustadt-Palzerhaken. Als ich drei Jahre alt war, wurde ich in das Kinder- und Pflegeheim Vorwerk nach Lübeck verlegt. Das ist auch heute noch eine psychiatrische Einrichtung des Diakonischen Werkes.

Ich war wohl ein wildes Kind, also ein „Hallo-Hoppla-Jetzt-Komme-Ich“-Typ, ein Jean Paul Belmondo im Kleinformat. Im Kinder- und Pflegeheim Vorwerk kamen die Pfleger nicht zurecht mit mir, also haben sie mich in die Kinderpsychiatrie Schleswig-Hesterberg abgeschoben. Das war 1968.
Ich musste oft festgebunden werden, weil ich häufig weggelaufen bin. Ich war ein sehr neugieriges Kind. An das Kinderheim Vorwerk grenze ein Bauernhof, da bin ich immer hingelaufen, ich wollte zu den Tieren. Das haben die Betreuer nicht mehr geduldet. Daraufhin haben sie mich häufig festgebunden. Das war wohl auch der Grund, warum Aggressionen in mir aufkamen. Nun hatten sie im Kinderheim eine Vorwand zu sagen, den Jungen kriegen wir nicht mehr in den Griff, den müssen wir immer festbinden. Ich glaube, die suchten damals nur nach einem Grund, mich abschieben zu können. In meine Akte erfolgte der Eintrag, ich sei bildungsunfähig. Mit dieser Diagnose kam man sofort in die geschlossene Anstalt, ohne richterlichen Beschluss. Und so kam ich 1968 in das Landeskrankenhaus Schleswig. Heute weiß ich, dass die Einweisung rechtswidrig war.

2. Ankunft auf dem Hesterberg
Am 22. November 1968 brachte mich ein Mitarbeiter des Jugendamtes in die Kinderpsychiatrie Schleswig-Hesterberg. Nach meiner Ankunft in Haus F nahm mich ein Pfleger in Empfang und die Tür hinter mir gleich wieder abgeschlossen. Ich wurde meinem Stationsarzt Dr. Volkmer vorgestellt und er steckte mich zur Eingewöhnung erst einmal in die Zwangsjacke. Außerdem wurde ich mit Medikamenten ruhiggestellt, vermutlich aufgrund der Berichte des Kinderheimes Vorwerk.

Haus F, 1966, Landeskrankenhaus LKH Hesterberg
Haus F, 1966

Ich wurde auch gleich unter Beobachtung gestellt. Für mich war es ein Schock. Die Lieblosigkeit, die dort herrschte, war entsetzlich. Da tat sich für mich eine ganz andere Welt auf. Es war ein beklemmendes Gefühl. Gerade die Gefühlskälte der Leute dort hat mich so schockiert. Da krampfte sich mir die Seele zusammen. Es herrschte ein rauer und barscher Umgangston, das war nicht schön.
Ich hatte einen Koffer mit persönlicher Kleidung mitgehabt, an Spielsachen kann ich mich erinnern. – Doch, ich hatte einen kleinen Teddybären. Den haben mir die Jungs aber später kaputtgemacht. Die Pflegerin Frau D., eine große und sehr freundliche Frau, nahm mich an die Hand und brachte mich auf Station F.1 im Erdgeschoss. Dort nahm mich ein Pfleger in Empfang. Die Station F.1 wurde für die nächsten sechs Jahre mein neues Zuhause.

Ich rutschte da einfach hinein und wurde in einem Zehn- oder Zwölfbettzimmer untergebracht. Man steckte mich einfach zu den anderen Jungs. Mit neun Jahren war ich der Jüngste im Zimmer, die anderen waren von zehn Jahren aufwärts. Die Ältesten waren Anfang zwanzig. Und wie die mit uns Kleinen umgegangen sind, möchte ich lieber nicht sagen. Es war grausam.
Die hygienischen Zustände in Haus F waren schrecklich. Im ganzen Haus stank es nach Urin und Kot. Auf F.4 waren die ganzen bettlägerigen Kinder und Schwerstbehinderte.

Die erwachsenen Patienten waren ganz wilde, da kann ich mich noch gut dran erinnern. Nur viele habe ich namentlich vergessen. Sie waren äußerst gefährlich. Deswegen hat Dr. Meyerhoff nach seinem Dienstantritt gleich untersuchen lassen, wie es möglich war, Kinder mit Erwachsenen zusammenzulegen. Das wird ja heute noch untersucht. Soweit ich weiß, waren die bis zum 25. Lebensjahr dort. Wir hatten sie auf Station F.1 gehabt, in Haus G sind welche gewesen, in Haus H und in Haus L. Die sollten in Haus L arbeiten, wurden dann aber irgendwo draußen eingesetzt, wo sie besser gefördert wurden. Aber das war erst später durch Dr. Meyerhoff.

In Haus F gab vier Stationen mit je 25 Patienten. Ich bin gleich nach meiner Ankunft in den Speise- und Aufenthaltsraum der Station F1 gekommen. Über dem Eingang im Obergeschoss war der Medikamenten- und der Behandlungsraum.

Der Stationsarzt war nie alleine im Behandlungsraum, es war immer eine Schwester dabei und im Bedarfsfall auch ein Pfleger, falls der Arzt angegriffen werden würde. Patienten neigten ganz schnell zu Gewaltausbrüchen. Das passierte aus heiterem Himmel, das kam immer wieder vor. Und deswegen gab es in solchen Psychiatrien auch Todesfälle. Die Ausbrüche sah man den Patienten vorher gar nicht richtig an, das machte sie so gefährlich.

Haus F war eines der schlimmsten Häuser. Haus H hatte vier Einzelzellen, da sollte ich auch einmal hin. Aber da kam ich nicht hin, zum Glück. Deswegen fahre ich auch nicht gerne mit dem Fahrstuhl – Klaustrophobie. Das kommt davon, wenn man jedes Mal in die Zwangsjacke gesteckt worden ist, die Jungs von allen Seiten auf einen zu kamen und einen dann zusammenschlugen.

3. Die Medikamente
Dr. Volkmer stellte mich nach meiner Ankunft auf neue Tabletten ein. Morgens und abends bekam ich jeweils zwei Tabletten, eine von beiden war immer zweifarbig. Mittags erhielt ich Tropfen. Welche das waren, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber, dass sie eine betäubende Wirkung hatten. Die wollten mich von vorneherein „drücken“. Die Medikamente hatten zur Folge, dass ich beim Sprechen immer gelallt habe, ich konnte nicht mehr klar sprechen. Die Zunge war fast gelähmt und in der Zungenwurzel hatte ich oft Krämpfe. Mit dem rechten Bein hatte ich immer das Gefühl, ins Leere zu treten. Und diese Benommenheit, die war furchtbar.
Die Medikamente wurden uns regelrecht eingeflößt, wenn nötig, mit Gewalt. Die Einnahme zu verweigern, war zwecklos.
Wer zu sehr tobte, kam sofort in die Zwangsjacke und wurde mit Medikamenten beruhigt. Im Kinderheim Vorwerk bekam ich andere Medikamente wie Haliperidol und Luminal.

1969 stellte Dr. Volkmer fest, dass mein Blutbild nicht in Ordnung war. Ich wurde daraufhin auf Valium umgestellt. Das wurde stark dosiert.
Du sitzt dann nur so auf dem Boden und lallst, hast keine Kontrolle über den Speichelfluss und nichts. Wenn die das fotografiert hätten, würden sie sagen, das ist der Grund, warum er hier ist. Da hätten sie einen Vorwand. Manchmal habe ich das Gefühl, die haben einen Vorwand geschaffen, um eine Einweisung rechtfertigen zu können.

4. Badewanne, Schläge und Vergewaltigung
Das Wort „Badewanne“ hatte in Haus F eine ganz besondere Bedeutung, es war das Wort, das uns Angst machte. Wer zu laut oder auffällig war, wurde von den Pflegern in die Zwangsjacke gesteckt und handlungsunfähig auf der Station gelassen. Diese Situation nutzen die erwachsenen Patienten aus. Sonnabendnachmittags waren wir immer für etwa zwei Stunden ohne Aufsicht, da sich das Personal zum Kaffeetrinken traf. Das nutzen die erwachsenen Patienten aus, um uns zu quälen. Wir waren denen ausgeliefert. Wenn wir ohne Aufsicht waren, zerrten sie uns in der Zwangsjacke in den Waschraum und füllten die Badewanne mit kaltem Wasser. Die beiden Badewannen standen am Fenster. Sie legten uns in der Zwangsjacke in die Badewanne und tauchten uns immer wieder unter. Komplett mit dem Kopf, fast bis zur Bewusstlosigkeit. Wir konnten uns nicht wehren.

Die nassen Zwangsjacken fiel den Pflegern zwar auf, aber die Älteren sagten, wir hätten uns geprügelt und uns gegenseitig untergetaucht und sie seien dazwischengegangen. Wir wurden dann in trockene Zwangsjacken gesteckt.

Jemand schrieb das Wort Badewanne an die
Eingangstür von Haus F, 2015

Vor meiner Zeit sollen es die Pfleger mit den Kindern gemacht haben, um sie zur Besinnung zu bringen. Das soll die Pflegerin Frau H. mit Kindern auf Station F.4 genacht haben. Die anderen Kinder auf der Station erzählten mir das. Später bestätigte das auch Wolfgang Petersen, der leider nicht mehr lebt. Von ihr müssen sich die älteren Patienten das abgeschaut haben.
Das Pflegepersonal hat es in meiner Zeit nicht mehr gemacht. Der Dr. Volkmer hatte es einmal mitbekommen und deutlich gesagt, er dulde so etwas nicht. Er war ein sehr guter Stationsarzt, das muss ich zugeben, wenngleich er auch immer mit Medikamenten leichtfertig umgegangen ist, meiner Meinung nach. Aber das haben die alle gemacht.

Die 18 bis 20 jährigen haben uns Kleinere regelmäßig zusammengeschlagen. Sie sagten zu uns, wenn wir nicht machen, was sie sagen, hängen sie uns was an, oder wir bekämen eine Luftspritze und wären dann auch weg. Ich habe mir nie etwas darunter vorstellen können, aber ich hatte immer Angst vor Spritzen gehabt. Auch das hatten sie vermutlich von dem Pflegepersonal.

Jahre später, nach meiner Entlassung, kam ein anderer ehemaliger Patient damit auf mich zu, nämlich der Alfred Koltermann. Und der erzählte mir, er habe selbst erlebt, wie Kinder mit der Luftspritze getötet worden sind. Daraufhin habe ich das Sozialministerium angeschrieben und das hat dann die Staatsanwaltschaft Flensburg eingeschaltet. Denn ich hatte Angst gehabt, dass das wirklich passiert ist, denn ich bin ja damit bedroht worden. Aber nicht vom Pflegepersonal, sondern von den anderen Patienten. Gott sei dank hat sich das als völlig haltlos erwiesen. Ich habe mit der Kripo in Schleswig und Flensburg gesprochen Die Kripo hat mir bestätigt, dass die Aussagen von Koltermann mit Vorsicht zu genießen sind, denn er erzählt mehr, als was dran ist.
So sagte Koltermann mir, er habe es selbst erlebt. Der Kripo sagte er aber, er hätte nur davon gehört. Ich will vermeiden, dass mehr hinzugefügt wird, als was eigentlich dran ist. Die Zeit war schrecklich genug.

Die Pfleger hatten selbst Angst vor den größeren Patienten. Und deswegen haben die nie etwas gesagt. Die größeren Patienten schlugen uns zusammen und zwangen uns, uns zu prügeln. Oder sie haben uns geschlagen und über die Tische gegen die Wand geschleudert, nach dem Motto, wer fliegt am besten. Was die mit uns gemacht haben, war unglaublich. Einmal hatte ich das dem Herrn C., einem Pfleger, erzählt. Er sagte darauf nur, hier wird nicht gepetzt. Die Pfleger haben nichts unternommen. Das wollen die Leute gerne vertuschen. Die Aufsicht war miserabel.

Einmal habe ich kein Abendbrot bekommen, also klaute ich ein Stück Brot aus der Brotkammer. Leider erwischte mich der Pfleger L. und versohlte mir mit seinem Puschen den Hintern, bis ihm der Schweiß von der Stirn tropfte.

LKH Hesterberg 1970
LKH Hesterberg 1970

Stutzig macht mich die Aussage von Alfred Koltermann gegenüber den Schleswiger Nachrichten, dass nachts fremde Männer kamen. Das war gar nicht möglich, da die Häuser nachts alle abgeschlossen waren, genauso wie die einzelnen Stationen. Wenn jemand kam, müssen es Patienten selbst gewesen sein. Sexuelle Übergriffe gab es nicht von Ärzten und Pflegern, sondern nur von erwachsenen Patienten. Und die haben uns unter Druck gehalten. Die waren wirklich gefährlich, vor denen hatten selbst die Pfleger Angst.

Da gibt es noch eine ganz bestimmte Methode des Festbindens. Da wird ein Gürtel genommen, oder ein Seil. Das wird um die Kniekehle und über die Arme fest gebunden, so dass die Arme fest auf den Knien verschnürt sind. Da kommt keiner raus. Das haben die erwachsenen Patienten mit mir gemacht. Öfters. So haben sie mich vergewaltigt. Das war das Schlimmste. Dass ich das überstanden habe. Ich war ja damals der jüngste und der kleinste von ihnen. Sie haben mich blutend und weinend zurückgelassen. Und gedroht, wehe, du erzählst jemanden davon. Einmal sagte ich das dem Pfleger L., aber ich bekam nur eine gescheuert. Das fing gleich 1968 an, da war ich neun Jahre alt. Das ging bis 1971, bis Dr. Meyerhoff kam. Weil er sich um die Patienten kümmerte und auch mit ihnen redete. Da wurden die vorsichtig. Die Pfleger wussten davon. Einer der Pfleger fragte mich danach, ob es mir gefallen hätte. Das war abartig.

Alfred Koltermann erzählt auch, er sei von Dr. Volkmer vergewaltigt worden. Das glaube ich ihm nicht, denn so ein Mensch ist Dr. Volkmer nie gewesen. Ich weiß nicht, warum er so etwas erzählt, vielleicht um im Rampenlicht zu stehen. Mir geht es nicht um mich, sondern um die Sache selbst. Das ist der Grund, warum ich an die Öffentlichkeit gegangen bin. Mein Ziel ist es, aufzuklären und zu verhindern, dass so etwas wieder passiert.

5. Der Tagesablauf
Früh morgens um 6 Uhr wurde geweckt, dann waschen und frühstücken. Einige gingen zur Schule, andere wurden auf den eingezäunten Hinterhof geschickt, je nach Wetter. Sonst mussten wir drin bleiben, auf Station eingeschlossen. Frei auf dem Gelände durften wir uns nicht bewegen. Freigang gab es erst durch Dr. Meyerhoff.

Die Pfleger haben uns zum Frühstück die Brote geschmiert im Aufenthaltsraum. Beim Essen durfte nicht geredet werden. Nach dem Mittagessen mussten wir den Kopf auf den Tisch legen und wer redete, bekam eine gescheuert. Eine Stunde später mussten wir raus auf den Hinterhof, oder ins Spielzimmer. Auch dort durfte nicht geredet oder Lärm gemacht werden. Wie sollen Kinder so spielen?

Küche, Wäscherei und Werkstätten, um 1950 LKH Hesterberg
Küche, Wäscherei und Werkstätten, um 1950

Einige Tage nach meiner Einweisung musste ich in der Großküche arbeiten, zu dem Zeitpunkt war ich neun Jahre alt. Ein Pfleger brachte mich in den Keller der Großküche, dort musste ich Kartoffeln, Rüben und Briketts umschichten. Die Kellertür wurde verschlossen. Im Keller hatte ich immer Angst, denn da unten liefen Mäuse und Ratten herum. Ich habe oft geweint im Keller.

Meine nächste Arbeit war auf Station F.4 die Bett- und Leibwäsche von Kot zu reinigen. Das war notwendig, bevor die Wäsche in die Wäscherei kam. Die wollte keine Wäsche mit „Inhalt“.

Sobald ich etwas zu laut getobt hatte, war die Zwangsjacke da. Dann musste ich die ganze Zeit nur sitzen, bis zum Mittag. Nach dem Essen wurde sie wieder angelegt, so ist man damals mit uns umgegangen. Wer zu laut war tagsüber, musste abends ohne zu essen ins Bett. Grundsätzlich waren wir alle ziemlich dürr, viele auch unterernährt. Reichlich zu essen gab es ohnehin nicht. Das war eine schlechte Zeit. Und das Pflegepersonal war immer froh, wenn es zuhause war.

Es hat keiner drauf geachtet, dass das Brot schimmelig war. Das Brot kam fertig geschnitten in Aluminiumkästen. Über diese wurde ein nasses Handtuch gelegt, damit es frisch blieb. Dadurch fing das Brot an zu schimmeln. So hatten viele von uns regelmäßig Durchfall und andere Erkrankungen gehabt.

Gegen 18 Uhr gab es Abendbrot, danach konnten die anderen im kleinen Aufenthaltsraum Fernsehen schauen. Die anderen waren im Schlafraum oder im großen Aufenthaltsraum. Um 21.30 Uhr kam die Nachtwache und die Übergabe fand statt. Die Nachtwache hatte ihren Raum immer in F.4 gehabt. Um 22 Uhr war Nachtruhe.

6. Schulbesuch
Ich wurde erst am 6. Dezember 1969 eingeschult. In meinem Bericht stand noch immer drin, ich wäre bildungsunfähig. In der Schule wurde ich zunächst dem Direktor Herrn Grünkorn vorgestellt und der hat gleich gefragt, warum ich nicht früher eingeschult wurde.

Im Kinderheim Vorwerk wurde ich am 21. Juni 1967 ausgeschult. Das weiß ich deshalb so genau, weil es im Kinderheim Vorwerk noch Akten von mir gab. In denen erkenne ich mich jedoch nicht wieder. Die haben festgelegt, ich sei bildungsunfähig und gehöre in die Psychiatrie. Und dort kam ich ja auch hin.

Schule Hesterberg 1966

Die angebliche Bildungsunfähigkeit konnte Herr Grünkorn nicht feststellen. Nach einer gewissen Zeit im Unterricht bei Herrn Herrn Kiesow stand fest, dass ich keineswegs bildungsunfähig war. Er fragte, ob er mich zu Herrn Kobelt schicken dürfe, dieser hatte seine Klasse im Keller von Haus D. Da wurde ich hingeschickt. Herr Kobelt hatte einen wandernden Granatsplitter in seinem rechten Bein. Er war ein feiner Kerl und hochintelligent, ein hervorragender Lehrer.

Erst als Dr. Meyerhoff kam, hatten wir einen regelmäßigen Schulbesuch. Darauf hatte auch Herr Kobelt bestanden. Meistens hieß es, die Kinder hätten sich wieder geprügelt und könnten nicht zur Schule.
Die Lehrer haben nicht viel mitbekommen, sie wurden auch nicht von den Pflegern informiert. Die Lehrer kamen nur auf das Gelände, um die Kinder zu beschulen. Dann fuhren sie wieder nach Hause. In alle anderen Angelegenheiten hatten sie sich nicht einzumischen.

Herr Kobelt hat mich auf die Hauptschule vorbereitet, aber auf Anweisung des Jugendamtes musste ich zur Sonderschule. Den Hauptschulabschluss habe ich dennoch gemacht.

7. Stille Post
Die Patienten haben natürlich auch miteinander geredet. Auf dem Hinterhof konnten wir mit den Kindern von Haus H reden, dort war Alfred Koltermann untergebracht. Alles was in den Häusern passierte, wurde weiter erzählt, das wusste das Pflegepersonal ganz genau. Deswegen haben sie sich niemals an irgendeinem Patienten vergangen. Wer das behauptet, bringt ein Gerücht in Umlauf, denn die Pfleger waren ganz schön vorsichtig, weil die Patienten den Mund nicht halten konnten. Denn wenn das raus gekommen wäre, hätten sie ein Problem gehabt, auch mit ihrer eigenen Familie.

Wenn die Patienten sich aber untereinander zusammenschlugen, wurde der Mund gehalten. Haben die Pfleger uns geschlagen, haben sie uns gewarnt, etwas zu erzählen. Sie drohten uns dann, wenn wir etwas sagen, war das von gestern Abend noch gar nichts. Das haben die beiden Pflegerinnen Frau S. und Frau U. immer zu mir gesagt.

Die Bevölkerung hat den Hesterberg damals gemieden, da ging keiner gerne rauf aufs Gelände. Die wussten ja, was das für Leute waren dort. Und auf dem Hesterberg waren die erwachsenen Patienten nicht harmloser, als auf dem Stadtfeld. Auf dem Stadtfeld soll es ja auch ganz schön heftig zugegangen sein. Für meine Begriffe war der Hesterberg gefährlich.

LKH Hesterberg Haus C, 1966
LKH Hesterberg Haus C, 1966

Die Leute, das das heute hören, können gar nicht empfinden, was damals dort los war. Die können sich gar nicht richtig hineindenken und hineinfühlen. Und unsere Politiker, die über Entschädigungsfonds reden, wissen gar nicht, worüber sie entscheiden. Die haben überhaupt keine Ahnung. Mit Betroffenheitsbekundungen kann ich auch nichts anfangen, zumal ich nicht einmal weiß, ob sie auch wirklich ehrlich gemeint sind. Die sogenannten Wiedergutmachungen sind im Grunde nichts weiter als ein schäbiges und billiges Abspeisen. Der Staat sollte sich schämen, so mit uns umzugehen.

Nachdem wir durch Dr. Meyerhoff Freigang bekamen, gingen wir auch in die Stadt und ins Kino. Allerdings waren wir in der Stadt nicht gerne gesehen. Da gab es immer einige Jugendliche, die zu mir sagten „Ey, Spasti, hau mal ab hier.“ Wir sind immer vertrieben worden. Auch davon redet kein Mensch. Ich bin auch gerne zu Kochlöffel hingegangen. Aber auch da waren welche, die sagten, wir sollen abhauen.

8. Das Mädchen von Haus G
Im Sommer 1969 habe ich vom Waschraum aus gesehen, wie ein Junge ein kleines Mädchen erwürgte. Ich sollte in Haus F mit Werner E. zusammen den Waschraum reinigen. Ich schaute aus dem Fenster rüber zu Haus G. Zwischen den Bäumen konnte ich an der Ecke einen kleinen Teil des Hofes von Haus G sehen. An der Seite hatte Haus G eine Treppe zum Keller, das Geländer war grün gestrichen. Der blonde, kräftig gebaute Junge und das Mädchen spielten miteinander.

Hof von Haus G 2015. In der linken Ecke wurde das Mädchen erwürgt.
Hof von Haus G 2015. In der linken Ecke
wurde das Mädchen erwürgt.

Wir kannten die beiden, die haben immer miteinander gespielt und der Junge das Mädchen vor anderen Patienten beschützt. Plötzlich explodierte er und drückte dem Mädchen die Kehle zu. Das Mädchen strampelte und er drückte weiter. Bis sie zusammenbrach.
Ich lief aus dem Waschraum. Auf Station waren Frau D. und Herr C. Er war in der Küche und sie saß drinnen und schrieb etwas. Ich schrie:„Er bringt sie um, er bringt sie um.“ Ich war völlig aus dem Häuschen. Aus der Küche kam daraufhin Herr C. und scheuerte mir eine. „Was hast du hier zu suchen?“, fragte er und schickte mich zurück in den Waschraum, den ich ja zu putzen hatte. Ich musste meine Arbeit weiter verrichten. Erst am nächsten Morgen haben wir erfahren, was dort passiert ist, das machte die Runde.

9. Der kleine Burkhard und der 1. Fluchtversuch
Diesen Tag werde ich nie vergessen. Auf Station sah ich den kleinen Burkhard liegen. Er zappelte und strampelte und blieb dann reglos liegen. Ich meldete das dem Pfleger, bekam aber nur eine gescheuert und wurde raus geschickt. Daraufhin bin ich abends geflohen.

Ich wollte weg vom Hesterberg, darum unternahm ich 1970 einen ersten Fluchtversuch. Da bin ich abends aus einer Luke des Waschraumes der Station F.1 geklettert. Ich bin dann Richtung Schubystraße gelaufen. An dem Taxistand an der Hühnerhäuserkreuzung kroch ich unter einen Wagen um mich zu verstecken, weil da so viele Passanten waren. Das Auto fuhr jedoch los und ich lag da am Taxistand auf dem Parkplatz. Passanten haben sie mich gepackt, und die Polizei verständigt.
Ich kam dann auf das Polizeirevier, das damals noch im Lollfuß war. Die beiden Polizeibeamten fragten mich, wo ich herkam, doch ich sagte nichts. Ich musste in einer Zelle liegen, die war jedoch nicht abgeschlossen. Die ahnten wohl schon was los ist. Ich habe da übernachtet, bekam morgens ein schönes Frühstück, mit Ei, Brötchen und Milch. Das werde ich nie vergessen.

LKH Hesterberg Spielplatz 1966
LKH Hesterberg Spielplatz 1966

Danach sagten sie mir, sie müssen mich jetzt zum Hesterberg zurückbringen. Sie haben gesehen, dass ich kreideweiß wurde. Durch die Kleidung haben die herausbekommen, wo ich herkam, denn im Hemdkragen war der Stempel vom LKH.
Auf dem Hesterberg hat mich Frau D. in Empfang genommen, die lebt heute auch nicht mehr. Die Polizei fragte sie, ob die Kinder dort geschlagen werden. Das verneinte sie. Sie sagte, die Kinder erzählen das immer, darum seien sie auch hier.
Zurück auf Station F.1 bei Herrn C. kam ich gleich in die Zwangsjacke. Nachdem er von meinem Fluchtversuch erfuhr, hat Herr C. mir so eine gescheuert, dass ich hinflog. Der hat eine eiserne Handschrift gehabt. Die Frau D. war in solchen Sachen zurückhaltender.

An dem ersten Abend nach der Flucht wurde ich nach oben auf die Station F.4 zu Frau S. und Frau U. gebracht. Die haben mich erst auf einem Stuhl festgebunden, nackt, mit der Rückenlehne nach vorne. Meine Arme wurden an die Rückenlehne und die Beine an die Stuhlbeine festgebunden.

Haus F 2015 mit den hohen Zäunen.
Haus F 2015 mit den hohen Zäunen.

Sie nahmen zwei Windeln aus dem Schrank und tauchten sie ins Wasser. Dann machten sie einen Doppelknoten in die Windeln und sagten mir, was mich nun erwarten würde. Vor Angst nässte ich mich ein. Dafür wurde ich nochmals geohrfeigt und beschimpft. Mit den nassen Windeln haben sie mich verpügelt. Da verlor ich fast das Bewusstsein. Am nächsten Morgen wuschen sie mich schnell und drohten, wehe, wenn ich jemanden etwas davon erzähle. Dann könne ich was erleben.
Da erfuhr ich auch, dass der kleine Burkhard an verstopften Atemwegen erstickt ist. Nun wusste ich, warum er sich so aufbäumte, es war sein Todeskampf.

Nach meinem ersten Fluchtversuch musste ich abends drei Wochen lang vor Frau S. und Frau U. auf einem Stuhl sitzen und schlafen. Nach dem zweiten Versuch waren es sechs Wochen, um mir das auszubläuen. Die scheußliche Stimme von Frau U. werde ich nicht vergessen, die hatte so einen scharfen Ton gehabt.

10. Dr. Meyerhoff kommt
Das war eine schlimme Zeit und ich bin froh, dass wir 1971 den Dr. Meyerhoff bekommen haben. Die hygienische Zustände waren katastrophal, die Häuser fast alle überbelegt. Dr. Meyerhoff hat dem ein Ende bereitet.
Der hat die Erwachsenen alle verlegen lassen, das Pflegepersonal wurde auch ausgewechselt und auf andere Stationen versetzt. Der alte Klüngel wurde auseinander genommen, nachdem er selbst feststellen musste, dass es einen „bürokratischen Widerstand“ gegen ihn gab. Das heißt, seine Anordnungen wurden verschleppt und nicht umgesetzt. Dem hat er ganz schnell ein Ende gesetzt. Und ab 1972 wurde es ganz anders, nachdem er sich richtig eingearbeitet hatte. Da wurde es für uns besser. Ich weiß nicht, wenn der Dr. Meyerhoff nicht gewesen wäre, ob wir das überhaupt überlebt hätten.

Dr. Meyerhoff hat auch eine Minigolfanlage errichten lassen, um unsere Geschicklichkeit zu testen. Es wurden Projektgruppen gebildet. Da haben sie sich um uns gekümmert.
Heute hat die Fachklinik Schleswig einen sehr guten Ruf, die Pionierarbeit leistete jedoch Dr. Meyerhoff. Sein Vorgänger Dr. Döhner ist dann zum Stadtfeld versetzt worden. Und er hatte immer einen Vetreter gehabt, das war der dienstälteste Stationsarzt Dr. Jacobs. Er hat auch Meyerhoff 1971 immer wieder vertreten.

11. Der tote Junge im Bett, 2. Fluchtversuch
Den dritten Todesfall erlebte ich im März 1971 auf Station F.3 Im Schlafraum musste ich zusammen mit einem anderen Jungen im Bett liegen, der schwere Lungenprobleme hatte. Sein Atmen war immer so rasselnd. Der musste bei uns liegen, weil Haus C wieder überfüllt war. Normalerweise hätte er auf dort auf der Krankenstation liegen sollen.Es grassierte aber die Ruhr in den Häusern. Aus Platzgründen mussten sich zwei Kinder ein Bett teilen. Der Junge neben mir im Bett hörte plötzlich auf zu atmen, es wurde still. Ich tickte ihn einige Male an, aber er bewegte sich nicht.
Ich musste die ganze Nacht neben diesem toten Jungen liegen, es durfte schließlich nicht geredet werden. Frau S. und Frau U. hatten Nachtwache, die haben sehr genau darauf geachtet. Hätte ich etwas gesagt, hätten die mich zusammengehauen. Die beiden waren Bestien, die waren so gefühlskalt. Darum blieb ich still. Diese Nacht war für mich der reinste Horror. Erst die Frühschicht hat am nächsten Morgen festgestellt, dass der Junge tot war.

Tischlerei LKH Hesterberg um 1950
Tischlerei LKH Hesterberg um 1950

Wieder wollte ich raus aus Haus F. Bei meinem zweiten Fluchtversuch bin ich mit vier aneinander geknoteten Bettlaken aus dem Fenster des Waschraumes raus. Eine Pflegerin hatte es jedoch gesehen. Die haben mich unten abgefangen und wieder zurück gebracht. Frau S. und Frau U. haben mir dann kräftig den Rücken versohlt, bis er angeschwollen und grün und blau war. Die beiden rasteten regelrecht aus. Dadurch ist mein Rücken nachhaltig geschädigt worden.

Die Spuren davon hat Dr. Meyerhoff zufällig gesehen. Im August 1971 hatte Dr. Meyerhoff sein Büro im Verwaltungsgebäude neben dem Pförtner. Mit einigen anderen Kindern (Rüdiger S., Werner E., Rainer S., Herbert B.) bin ich zum Pförtner und wir sagten ihm, wir wollen nicht mehr geschlagen werden. Der wusste gar nicht, was Sache war.
Auf einmal ging die Tür auf und Dr. Meyerhoff stand in der Tür. Er fragte uns, wer uns schlagen würde. Daraufhin wurden wir ganz kleinlaut. Dr. Meyerhoff fragte mich nach meinen Namen und bat mich zu ihm ins Büro. Dabei fasste er mir an den Rücken und merkte, dass ich dabei zusammenzuckte. Ich musste den Oberkörper freilegen, da sah er die Verletzungen.
Mein Rücken war geschwollen und blutunterlaufen. Wie Dr. Meyerhoff das sah, ist er an die Decke gegangen. Da habe ich Angst vor diesem Prof. bekommen. Normalerweise konnte man vor ihm keine Angst haben. Er war so aufgebracht und hat sofort meinen Stationsarzt, den Dr. Volkmer, zu sich zitiert. Der wusste natürlich auch nicht, was passiert war, er war genauso entsetzt. Ich habe nie gesagt, wer mich verprügelt hat, ich hatte zu viel Angst vor den beiden Frauen.

Daraufhin hat Dr. Meyerhoff in meiner Gegenwart ein Rundschreiben verfasst. Er dulde so etwas nicht und im Wiederholungsfall würde er rechtliche Schritte gegen den oder die Täter einleiten.

Siehe Anhang A – Rundschreiben

Ein Problem war auch die Sauferei unter den Pflegern. Manche hatten eine richtige Fahne. In Haus H war es ganz schlimm, die haben sich richtig über Patienten lustig gemacht. Das haben sie auch mir mir gemacht. Ich sollte Tiere nachmachen, wiehern wie ein Pferd, oder muhen wie ein Kuh. Darüber haben sie sich köstlich amüsiert. Nachdem ich zur Schule kam, erzählte ich das meinem Lehrer, Herrn Kobelt. Normalerweise durfte sich ein Lehrer in die Angelegenheiten der Psychiatrie nicht einmischen. Aber das hat Herr Kobelt gemacht und sich bei Dr. Meyerhoff beschwert.

Die Häuser waren alle überfüllt. Darum sind ja auch 1968 die Baracken M, O und P gebaut worden. Auch da gab es immer wieder Probleme, so standen in Haus P die Wände unter Strom, wenn es regnete. Es hat viel Pfusch gegeben. Dr. Meyerhoff duldete diese Situation nicht und initiierte den Neubau der Klinik. Er hatte im LKH einen schweren Stand gehabt, aber er setzte sich trotzdem durch.

12. Die Entlassung
Das war Juni 1974 durch Prof. Meyerhoff. Er untersuchte und befragte mich, um mein Wissen zu testen. Er fragte auch, warum ich überhaupt eingewiesen worden war, wer das veranlasst hatte. Das war ein an mir vergangenes Verbrechen. Mir wurde ein Sozialpädagoge zur Seite gestellt, der Herr R. Dann hatte ich noch Psychotherapeuten und Sozialpädagogen. Die Pflegerin Frau M. nahm mich mal mit nach Hause, um zu schauen, wie ich mich so mache. Das war die Idee von Prof. Meyerhoff. Leider konnte sie nicht gut mit Kindern umgehen, sie wohnte auch alleine.

Pfleger L. hatte mich auch mal mit nach Hause genommen, nach Busdorf. Ein Jürgen M. nahm mich mit nach Plön zu anderen Kindern.

LKH Hesterberg, Wäscherei um 1950
LKH Hesterberg, Wäscherei um 1950

Prof. Meyerhoff schickte mich in das Kinderheim in Lindauhöh in Lindaunis an der Schlei. Dort war ich gut aufgehoben. Von dort aus ging ich in die Malerlehre nach Kappeln. Wir bekamen eines Tages im Jahr 1978 den Auftrag, bei einem Kunden den Gartenzaun zu streichen und ein Zimmer zu tapezieren. Wir fuhren hin und Dr. Volkmer, mein alter Stationsarzt, öffnete die Tür. Er freute sich über das Wiedersehen. Wir sprachen über den Hesterberg und über den Tag meiner Ankunft. Er hatte mich ja 1968 in Empfang genommen. Im Nachhinein hat er zugegeben, dass er nur aufgrund der Berichte der Pfleger Medikamten verschrieben hat. Damit wurde viel Schindluder getrieben. Er bedauert es, die Kinder nicht öfters untersucht zu haben. Er sagte aber auch, ich solle nicht soviel in der Vergangenheit wühlen, sondern den Fokus auf die Zukunft richten. Das machte mich stutzig. Erst bei meiner Recherche wurde mir das wieder bewusst. Es war ihm unangenehm und er wollte nicht mehr drauf angesprochen werden. Aber ich bin tiefer in die Vergangenheit eingestiegen. Bei Prof. Meyerhoff musste er damals Rede und Antwort stehen.

13. Die Mutter
Rausbekommen hatte ich die Adresse meiner Mutter 1975 im Kinderheim Lindauhöh. Eine Erzieherin hatte vergessen, meine Akte wegzulegen. Dort schaute ich hinein und notierte mir die Adresse.
Als ich bei der Bundeswehr war, nahm ich endlich Kontakt mit meiner Mutter auf. Das war 1983. Stationiert war ich als Zeitsoldat in der Briesenkaserne beim Instandsetzungsbataillon 1./610.Meine Mutter heißt Erika Schlüter, geb. Wulf. Ich bin habe noch zwei Schwestern, Angelika und Renate. Ich fragte meinen Kompaniechef , ob ich Kontakt mit ihr aufnehmen darf. Das Jugendamt lehnte diesen Wunsch immer ab, auch der Kompaniechef war erst skeptisch. Aber dann sagte er: „Fahr hin, mien Jung.“

Vor dem ersten Treffen haben wir uns erst geschrieben, ich wollte nicht, dass sie völlig überrascht ist. Wer weiß, wie sie es aufgenommen hätte. Sie wusste natürlich anfangs gar nicht, wer ich bin. Sie wusste nur, dass sie einen Sohn hat, der ihr weggenommen wurde. Auch mein Kompaniechef riet mir dazu, meine Mutter erst einmal anzuschreiben. Meine Mutter wollte dann aber unbedingt, dass ich einmal vorbei kommen. Das habe ich dann gemacht.

Ich fuhr zu ihr und so habe ich 1983 endlich meine Mutter persönlich kennengelernt. Das war ein ganz komisches Gefühl, als ich ihr das erste Mal begegnete. Ihr war nur bekannt, dass ich ins Kinderheim Vorwerk kam, weil sie die Krankenversicherungsangelegenheiten für mich regeln musste.

Das Kinderheim Vorwerk schrieb meiner Mutter eines Tages, ihr Sohn würde nur „aus Schlechtigkeiten“ bestehen. Daraufhin wandte sie sich an das Jugendamt Neumünster, um mich aus dem Kinderheim herauszuholen, da ich mich dort offensichtlich nicht wohl fühlen würde. Aber das lehnte das Amt ab.

Für meine Mutter war das ein Schock, sie wollte nie, dass ich in ein Heim komme, sie wollte mich selbst aufziehen. Man hat es ihr verschwiegen, das ich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden war. Sie hat es nie gewusst und hatte auch keine Spur mehr, wo ich abgeblieben bin. Sie wusste gar nichts mehr von mir.

LKH Hesterberg Schlosserei um 1950
LKH Hesterberg Schlosserei um 1950

Und wie sie damals hörte, dass sie selbst eingewiesen werden sollte, ist sie nach Bochum geflohen. Dort wurde sie von einem Mitarbeiter der Inneren Mission gefunden. Die haben sie aufgenommen und sie war dort als Küchenhilfe tätig. Dort ist sie bis zum Renteneintritt geblieben. Heute ist sie 88 Jahre alt und lebt in einem Alten- und Pflegeheim in Bochum. Wir haben Kontakt und schreiben uns regelmäßig.

Meine Mutter machte einen zurückgeblieben Eindruck und ihre Briefe waren schlecht leserlich. Aber je öfter wir uns geschrieben haben, desto besser wurde es. Heute bin ich froh, dass ich das gemacht habe. Ich kenne nun meine Mutter, von meinem Vater weiß ich nur den Namen, Günther Hans Joachim Goldenbow geb. am 1.11.1934 in Kiel. Ich bin ihm nie begegnet. Das bedauer ich wirklich. Ich habe überall nachgefragt, aber ich weiß nicht mehr, wo ich suchen soll. Selbst beim Einwohnermeldeamt wussten sie nichts über meinen Vater, das macht mich stutzig. Ich weiß nur, dass er 1959 im Gefängnis saß.

14. Die Besuchskommissionen
Die Verantwortung für das Landeskrankenhaus Hesterberg lag beim Innenministerium. Erst ab 1966 richtete das Innenministerium regelmäßige Besuchskommissionen ein. Vermutlich gab es damals schon Hinweise auf Misshandlungen. In den Berichten wurden aber nur bauliche, therapeutische oder personelle Mängel aufgeführt. Von dem Missbrauch der Kinder ist keine Rede.

Meiner Meinung nach sind die Berichte der Besuchskommissionen alle geschönt. Die Fürsorge- und Aufsichtspflicht hat nicht funktioniert, das ganze System hat nicht funktioniert. Da wurde gar nicht nachgefragt, ob die Einweisung berechtigt war, oder ob ein Patient wirklich behindert war, es hat keinen gekümmert. Einmal hinter verschlossenen Mauern fragte kein Mensch mehr nach uns.

Ich bin bei der Aufnahme untersucht worden, aber das war´s denn auch schon. Die Stationsärzte haben es immer so gehalten, dass das Pflegepersonal über uns irgendwelche Berichte geschrieben hat. Dieser hat der Arzt nur bei Bedarf angefordert. Ging aus den Berichten hervor, dass der Patient ruhig und unauffällig war, hat uns kein Arzt untersucht. Darum wurden die Berichte manchmal gefälscht, weil die Pfleger einen ruhigen Dienst versehen wollten. Sobald Feierabend war, waren sie froh, nach Hause fahren zu können. Denn wer will sich schon gerne mit Idioten abgeben.

Siehe Anhang B – Besuchskommission

15. Das 150jährige Jubiläum
Anlässlich des 150 jährigen Bestehens der Anstalt Stadtfeld wurden am 1. Oktober 1970 viele Festreden gehalten. Auch der ärztliche Direktor des Landeskrankenhauses Stadtfeld und Hesterberg, Dr. Walter Döner, sprach seine Lobeshymne auf die Anstalt aus. Obwohl er von den Misshandlungen gewusst haben muss. Er hat sich aber gar nicht darum gekümmert, er war meistens auf dem Stadtfeld, da er dort sein Büro hatte. Er hat sich wenig um uns gekümmert, er betrieb eine ganz üble Schönfärberei. Das zeigte sich zum Jubiläum 1970. Wir haben das ganz anders erlebt. Wie können Menschen nur so gemein sein und alles schön reden. Für uns war es die Hölle.

Siehe Anhang C – Festreden

16. Die Aufarbeitung
Im Jahr 2010 habe ich mitbekommen, dass immer mehr ehemalige Heimkinder über ihr Schicksal sprachen. Stephan Richter, ehem. Chefredakteur beim SHZ, hatte über dieses Thema geschrieben und ich fragte ihn nach der Anschrift des Verein der ehemaligen Heimkinder. So entstand der Kontakt. Er bat mich um ein Interview und so erschien das alles in der Osterausgabe 2010. Wolfang Petersen habe ich kurz darauf kennengelernt. 2013 kam er mit dem WDR nach Schleswig, um die Dokumentation „Hölle Kinderpsychiatrie“ zu drehen.
Daraufhin wurde ich von Herrn Prof. Jörg Michael Fegert, dem leitenden Direktor der Universitätsklinik Ulm und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie angeschrieben. Er lud Wolfgang und mich 2014 zu einem Kamingespräch nach Ulm ein. Prof. Fegert sagte, das Thema müsse aufgearbeitet werden und erstellte ein Maßnahmenkatalog. So kam das alles ins Rollen.

Abbruch Haus F 2016
Abbruch Haus F 2016

Akten über mich aus der Zeit gibt es in Schleswig nicht mehr. Die letzte Akte vernichtete das Gesundheitsamt Schleswig im Jahre 2009. Ich kam leider zu spät, das ärgert mich.
Angeblich hätten meine Akten gar nicht mehr vernichtet werden dürfen. Das erzählte mir Frau Prof. Dr. Renate Schepker vom Zentrum für Psychiatrie Baden-Württemberg, da es damals schon Untersuchungen über Missbrauchsfälle im LKH Schleswig-Hesterberg und anderen psychiatrischen Einrichtungen gab.

Helios hat mich bei der Aufarbeitung größtenteils unterstützt. Ich sprach mit dem damaligen Geschäftsführer Florian Friedel und erzählte ihm von meiner Zeit auf dem Hesterberg. Um damit abschließen zu können, wollte ich Haus F noch einmal besichtigen und fotografieren. Das ermöglichte mir Herr Friedel auch.

Die ehemalige Landespastorin Petra Thobaben und ich, hatten die Idee gehabt, auf dem Hesterberg einen Dokumentationsraum mit Bildern und Berichten von Betroffenen einzurichten. Da Helios aber keine Kosten übernehmen wollte, scheiterte das Projekt.






II. Anhänge

Anhang A – Rundschreiben

Dieses Rundschreiben verfasste Dr. Meyehoff am 26. August 1971, nachdem er den verletzten Rücken von Günter Wulf untersuchte.

Rundschreiben Dr. Meyerhoff 26. August 1971, LKH Schleswig Hesterberg
Rundschreiben Dr. Meyerhoff 26. August 1971



Anhang B – Besuchskommission

Die Besuchskommissionen fanden, wie erwähnt, ab 1966 statt. Eine Abordnung des Innenministerium besuchte zusammen mit Ärzten und Vetretern aus Politik regelmässig einige Häuser des Landeskrankenhauses Hesterberg. Die Besuchskommission kündigte ihr Eintreffen tags zuvor beim ärtzlichen Direktor an.

Einige Protokolle sind bis heute erhalten. Es wurden lediglich Mängel an Gebäuden oder im Personalbereich dokumentiert. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen wurde verschwiegen. Als Beispiel dient hier das Protokoll der Besuchskommission vom 30. Oktober 1968.

Protokoll Seite 1, Besuchskommission
Protokoll Seite 1, Besuchskommission
Protokoll Seite 3, Besuchskommission



Anhang C – Festreden
Wie es sich für gute Festreden gehört, waren auch die anlässlich des 150. Jubiläums der Anstalt Stadtfeld überschwenglich positiv. Kritische Worte sind nicht dokumentiert. Hier einige Beispiele:

Begrüßungsansprache des Herrn Dr. jur. Hartwig Schlegelberger zum 150-jährigen Bestehen des Landeskrankenhauses Schleswig am 1. Oktober 1970.

Das Land Schleswig-Holstein fühlt sich bei der Aufgabe, die ihm aus der Betreuung der psychisch Kranken erwächst, im besonderen Maße verpflichtet.

Festschrift zur 150-Jahr-Feier des LKH Schleswig 1970

Der Hesterberg ist zu einem selbsständigen kinder- und jugendpsychiatrischen Krankenhaus geworden und wird diese Aufgabe vom 1. März nächsten Jahres an mit einem neuen Direktor mit neuer Akzentuierung erfüllen.

Festschrift zur 150-Jahr-Feier des LKH Schleswig 1970

Lassen Sie mich schließen mit einem Wort des Dankes an die Mitarbeiter dieses Landeskrankenhauses…, an die Ärzte, die Krankenschwestern, die Krankenpfleger,… die Verwaltungskräfte und all die anderen, die hier Tag für Tag, Jahr für Jahr ihren Dienst am kranken Menschen leisten.

Festschrift zur 150-Jahr-Feier des LKH Schleswig 1970

Anmerkung von Günter Wulf: Dieser Mann hatte überhaupt keine Ahnung von den dort herschenden Zuständen gehabt! Die ganze Veranstaltung war eine reine Schönfärberei! Prof. Dr. med. Meyerhoff schilderte später, dass er ganz andere Zustände vorgefunden hatte, als hier beschrieben wurden. Siehe Schleswiger Nachrichten vom 15. Juli 1987 und vom 2. Januar 1993.



Aus der Festrede von Prof. Walter Döner, ärztlicher Direktor des LKH:

Zu lautem Jubel ist heute wohl kein Anlass, wohl zu Dank. Dank vor allem dem Land Schleswig-Holstein, der Landesregierung und dem Parlament, aber besonders Ihnen, sehr verehrter Herr Minister Dr. Schlegelberger, für Ihre ständige tatkräftige, verständnisvolle Hilfe und Unterstützung.
Ich möchte an dieser Stelle, weil ich nicht alle nennen kann, aus der großen Zahl der Helfer und Freunde, einen besonderen Dank aussprechen an die pharmazeutische Industrie für ihre seit Jahren bestehende enge vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Ohne die finazielle Unterstützung bedeutender Firmen des In- und Auslandes wäre die Durchführung der 150-Jahr-Feier in diesem Rahmen nicht möglich gewesen.

Festschrift zur 150-Jahr-Feier des LKH Schleswig 1970

Diese Aussage hat in Hinblick auf die erst kürzlich bekannt gewordenen Medikamentenversuche im Landeskrankenhaus ein besonderes Gewicht.

Anhang D – Über Prof. Dr. Hermann Meyerhoff (1935-1993)
Der junge Dr. med. Meyerhoff kam 1971 aus dem Saarland nach Schleswig, um die Leitung der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg zu übernehmen. In 16 Jahren bewirkte er viel auf dem Hesterberg, zum Wohle der Patienten. Seinem Wirken ist es zu verdanken, dass aus der alten „Bewahrpsychiatrie“ ein modernes, am Menschen orientiertes Krankenhaus geschaffen wurde. So fasste seine Nachfolgerin Frau Dr. Dörte Stolle die Arbeit des Mediziners zusammen, anlässlich seines Fortganges nach Kiel 1987. Er übernahm die Leitung der Gesundheitsabteilung des Sozialministeriums.
Sozialministerin Gräfin Brockdorff in den Schleswiger Nachrichten vom 15. Juli 1987 über Prof. Dr. Meyerhoff:

Fachliche Qualifikation, Fairneß, Gerechtigkeit, menschliche Wärme – mit diesen Eigenschaften haben Sie sich einer ausserordentlichen Beliebtheit erfreut.

Vorraussetzung für die Verbesserungen waren viele bauliche Maßnahmen, so sind unter Prof. Dr. Meyerhoff der Neubau der Zentralklinik und die therapeutischen Gruppenhäuser entstanden.

Vor Meyerhoff lebten Kinder und Jugendliche in großen Gruppen zusammen. Es gab nur wenige Ärzte, wenig Therapiemöglichkeiten und kaum eine schulische Betreuung. Diese Mißstände behob Prof. Dr. Meyerhoff.

Anlässlich seines Eintritts in den Ruhestand 1993 erschein in den Schleswiger Nachrichten am 2. Januar 1993 ein weiterer Bericht über den Arzt. Er nennt darin die Schwierigkeiten und Mißstände, die er 1971 vorfand – Überfüllung der Häuser, schlechte sanitäre Zustände und eine schwierige Personalausstattung. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg war damals nicht mehr als ein „Anhängsel der Erwachsenenpsychiatrie.“ Prof. Dr. Meyerhoff über die Zustände:

Es waren damals schwierigste Verhältnisse. 50 Patienten wurden auf einer Station betreut, heute (Anm.: damit ist 1993 gemeint) sind es in der Regel 12, maximal 24. Therapie war kaum möglich, die Patienten wurden vorwiegend gepflegt.
Heute (1993) hingegen gibt es die unterschiedlichen Formen der Psychotherapie, die Musiktherapie, die Maltherapie, die Werktherapie und viele weitere. Verbessert hat sich auch die Schulsituation an der Klinik. Anfangs arbeiteten dort drei Lehrer, nach wenigen Jahren waren es bereits 24 Pädagogen, die dort unterrichteten.

Es ging darum, „die harten Brutalitäten der Psychotherapie zu beseitigen“, beschreibt der Arzt seine Ziele. Ein eigener Schrank, ein eigener Nachttisch für die Patienten beispielsweise. Aber: der Wandel ist noch längst nicht vollzogen.

Jedoch hat Prof. Dr. Meyerhoff gegenüber der Zeitung mit keinem Wort den Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen erwähnt, obwohl er Kenntnis hatte. Er hätte die Möglichkeit gehabt, schon damals Aufklärungsarbeit zu leisten und die Täter aus dem Klinikdienst entfernen zu lassen.


III. Letzter Rundgang durch das Haus F 2015

Das war das schreckliche Haus F
Bild 1 – Das war das schreckliche Haus F

Nun nimmt Haus F all dies gewesene Elend mit in sein Grab. Doch die Opfer dieser schlimmen Zeit sind ihr Leben lang von diesen Ereignissen geprägt und müssen nun damit fertig werden. Und zwar ganz allein! Auch ich. Einige unserer Leidensgenossen begingen später sogar Selbstmord!
Ich erlebte eine bis dahin nie gekannte Lieblosigkeit und Gefühlskälte! Wenn die Eltern, die ihre Kinder hierher brachten, wüßten, was sie ihnen damit angetan haben, würden sie bittere Tränen weinen!

Hof von Haus F
Bild 2 – Hof von Haus F

Rot 1: An diesem Fenster stand das kleine Bett des zweijährigen Burkhard mit dem Sauerstoffgerät. An diesem Frühsommertag schien die Sonne für den Kleinen zum letzten Mal, als wollte sie ihm sagen: Ich leuchte dich heim ins Jenseits, da bist du sicher und geborgen.“ Sein Todeskampf verfolgt mich manchmal noch heute im Traum.

Rot 2: Aus diesem Fenster des Waschraumes der Station F4 kletterte ich (rote Linie) aus dem oberen (damals noch die alten) Kippfenster mit vier miteinander verknoteten Bettlaken, wurde aber da schon von der Nachtwache abgefangen und unter Verabreichung von Ohrfeigen auf die Station F4 zurückgebracht, wo ich rücklings nackt auf einem Holzstuhl festgebunden wurde. Jede von diesen beiden Frauen nahm sich eine Leinenwindel, wandte einen Doppelknoten rein, tauchte sie ins Wasser und beide schlugen mir den Rücken wund und mich bewußtlos. Am nächsten Morgen schärften sie mir ein: „Und wehe, Du erzählst jemandem davon. Dann kannst Du aber was erleben. Dagegen war das gestern Abend noch harmlos!“ Mein Rücken war davon noch sehr lange geschwollen und blutunterlaufen.

Rot 3: Hier, über der Station F3 war die „Cafeteria“ des Pflegepersonals. Jeden Sonnabendnachmittag waren sie für zwei Stunden da oben, die Stationen abge- schlossen und wir Kleineren den Erwachsenen (meist Psychopathen) ausgeliefert. Wir wurden zusammengeschlagen, gewaltsam geschändet und in der Badewanne fast ertränkt. Hilfe gab es damals überhaupt keine, denn das Pflegepersonal hatte vor diesen gewalttätigen Psychopathen selbst Angst gehabt und lieber den Mund gehalten.


Eingang zur Station F1
Bild 3 – Eingang zur Station F1

Bevor ich die Besichtigung dieser Station vornahm, vergewisserte ich mich, dass die Tür nicht mehr geschlossen werden konnte. Ich wäre sonst nicht reingegangen. Links, wenn wir die Station betreten, kommen wir in das große Aufenthalts- und Esszimmer (Bild 4), wo wir rechter Hand einen Durchbruch sehen, dem sich der „Spielraum“ (Bild 5) anschließt. In diesem Raum sehen wir rechter Hand einen kleineren Raum, in dem sich die Wäsche und Zwangsjacken befanden. Wir gehen zum Flur zurück und blicken in die damalige Küche (Bild 6), wo linker Hand der Geschirrschrank, Herd, Spüle und Arbeitsplatte waren und rechter Hand die Brotkammer. Die Trennwand ist bereits weg.


Aufenthalts- und Esszimmer
Bild 4 – Aufenthalts- und Esszimmer

Aufenthalts- und Esszimmer, Station F1. Die Holzdecke wurde weit nach meiner Zeit neu eingezogen und die Wände hatten zu meiner Zeit ein trostloses Aussehen gehabt. Lebensfrohe Farben gab es nicht und Lebensfreude fehlte gänzlich!

Bild 5: "Spielzimmer" mit kleinem Nebenraum für Wäsche - und Zwangsjacken!
Bild 5: „Spielzimmer“ mit kleinem Nebenraum für Wäsche – und Zwangsjacken!

Richtiges spielen war damals überhaupt nicht möglich, denn man durfte keinen Lärm verursachen. Sonst gab’s eben die Zwangsjacke!

Bild 6: Station F1, Küche
Bild 6: Station F1, Küche

Trennwand zur Brotkammer fehlt, wo ich mir ein Stück Brot nahm, weil ich Hunger hatte, und wurde dafür heftig verprügelt. Das war der spätere Zustand der Küche vor dem Abriss.

 Station F1, Waschraum, heutiger Zustand vor dem Abriss.
Bild 7: Station F1, Waschraum, heutiger Zustand vor dem Abriss.

Es war damals ein großer Raum ohne Trennwände. Hier wurden wir von den Erwachsenen in der Wanne mit kaltem Wasser fast ertränkt.

Station F1, Schlafsaal, späterer Zustand vor dem Abriss.
Bild 8: Station F1, Schlafsaal, späterer Zustand vor dem Abriss.

Damals noch ohne Trennwände, standen 10 bis 12 Betten im Raum. Aus der Ecke (rot eingekreist) kamen Mäuse hervor. Dort stand auch mein erstes Bett, wo ich zusammengehauen und mißbraucht wurde.

Bild 9 - Schlafräume
Bild 9 – Schlafräume

Rot eingekreist, befinden sich die Schlafräume der Station F1, wo die Erwachsenen über uns Kleinen herfielen,uns mißbrauchten und entsetzlich zurichteten. Sie waren anderen gegenüber gefühllos.

Bild 10 – Treppenhaus

Treppenhaus zu den Stationen F3 (links) und F4 (rechts). Geradeaus geht es ins Medikamenten- und Behandlungszimmer.

Bild 11 - Wandschrank
Bild 11 – Wandschrank

Hier sehen wir den großen Wäschewandschrank für die Stationen F3 und FA. In der Mitte geht es ins Medikamenten- und Behandlungs- Zimmer, das direkt über den Haupteingang von Haus F liegt.

Bild 12 - Die Todesstation
Bild 12 – Die Todesstation

In diesem zum Hinterhof gelegenen Zimmer (heutiger Zustand vor dem Abriss) auf der Station F4 starb der kleine zweijährige Burkhard vor meinen Augen, weshalb ich diese Station die „Todesstation“ nannte.

Bild 13 - Bettenzimmer
Bild 13 – Bettenzimmer

Eines dieser großen Räume beherbergte 10 bis 12 Betten, die deshalb sehr dicht aneinander standen und wenig Raum ließen. Mit einem Jungen von der Station F3 musste ich ein Bett teilen, der plötzlich verstarb. Da nicht geredet werden durfte, blieb ich die ganze Nacht über neben dem Toten liegen und weinte leise vor Angst. Erst am nächsten Morgen sah das Pflegepersonal diese Katastrophe.

Bild 14 - Waschraum F.4
Bild 14 – Waschraum F4

In diesem Waschraum der Station F4 kletterte ich mit vier zusam- mengeknoteten Bettlaken aus dem Kippfenster (damals genauso schmal wie das untere Fenster, rot eingekreist).

Bild 15 – Waschraum F4

In dieser Ecke des Waschraumes von F4 stand einst ein Stein- Bottich mit zwei Becken, in dem die beschmutzte Wäsche von mir gereinigt wurde und ich mir vier Bettlaken zur Flucht gesichert hatte.

Bild 16 - Zehnbettenzimmer Station F.4
Bild 16 – Zehnbettenzimmer Station F4

Ein Zehnbettenzimmer auf der Station F4. Hier hat ein Ehemaliger Feuer gelegt, um das Haus zu vernichten. Wer es war, konnte nicht ermittelt werden. War das Rache für erlittene Mißhandlungen?

Bild 17 - Station F.3
Bild 17 – Station F3

Wir verlassen die Station F4 und blicken direkt auf die Station F3. Im rechten Bild sehen wir noch den Wandschrank und am Rande des Bildes noch knapp den Eingang zum Behandlungszimmer.

Bild 18 - Treppenhaus
Bild 18 – Treppenhaus

Wir gehen jetzt zum Wohnbereich unter dem Dach, wo das Pflege- Personal seine Unterkünfte hat, sie aber fast nie nutzte. Wer wollte sich schon auf dem ungeliebten Gelände aufhalten!


Bild 19 - Flur im Dachgeschoss
Bild 19 – Flur im Dachgeschoss

Dieser Flur im Dachgeschoss führt zu den einzelnen Stuben und zur „Cafeteria“ des Pflegepersonals,welches es aber vorzog, nach Hause zur Familie zu fahren. Die meisten wohnten in der Nähe ihres Arbeitsplatzes.


Bild 20 - Privaträume Pflegepersonal
Bild 20 – Privaträume Pflegepersonal

Das sind die Privaträume des Pflegepersonals, die bestimmt sehr gemütlich eingerichtet waren. Doch die fuhren lieber nach Hause, wo Frau mit gutem Essen oder mit der Nudelrolle schon wartete. Wer wollte schon unter „Geisteskranke und Idioten“ wohnen!


Bild 21 - Stube Stationsarzt
Bild 21 – Stube Stationsarzt

Eines dieser Stuben war unserem Stationarzt vorbehalten, der es aber auch lieber vorzog, nach Hause zu fahren, denn er wohnte ja in Schleswig und war nur einen Katzensprung vom Landeskrankenhaus entfernt.


Bild 22 - Cafeteria
Bild 22 – Cafeteria

In dieser „Cafeteria“ über der Station F3 ließ es sich das Pflege- Personal gut gehen, während wir Kinder den Erwachsenen am Sonnabendnachmittag hilflos ausgeliefert waren. Sie ließen ihre niedersten Triebe an uns aus und hätten uns sogar beinahe getötet.


Bild 23 - Treppenhaus
Bild 23 – Treppenhaus

Ich begebe mich wieder nach unten, um dieses Haus der absoluten Gefühlskälte und Lieblosigkeit wieder zu verlassen. Der Farbanstrich war wie das damalige Personal: arm an froher Farbe und gefühlskalt!


Bild 24 - Treppenhaus
Bild 24 – Treppenhaus

Ich nähere mich dem Ausgang und gehe an der Station F1 vorbei, wo ich (wie viele andere auch) viel Schlimmes über mich ergehen lassen musste. Sogar um mein Leben musste ich ringen!


Bild 25 - Besucherraum
Bild 25 – Besucherraum

In diesem Besucherraum des Hauses F gaben Eltern ihre Kinder ab, um sie nie wieder sehen zu müssen! Wüssten sie, was sie ihren Kindern da angetan haben, würden sie bittere Tränen weinen!


Bild 26 - Ausgang
Bild 26 – Ausgang

Zum letzten Mal betrat ich dieses Haus und zum letzten Mal verlasse ich es. Nicht als „Patient“, sondern als freier Mensch, der die Stätte seines traurigen Eingesperrtseins besuchte und sich seiner furchtbaren Vergangenheit noch einmal stellte.


Bild 27 – Haus F

Haus F! Über dieses Gebäude ziehen nun dunkle Wolken herüber und künden nicht nur Regen an, sondern die Zerstörung dieses Hauses! Was bleibt, sind die Narben in meiner Seele, und ich muß mit meinen Erinnerungen noch lange leben. Und das ganz allein!


Bild 28 - Grabstein Meyerhoff
Bild 28 – Grabstein Meyerhoff

Hier ruht nun im Frieden der Mann, der aus einer stiefmütterlich geführten Erwachsenenpsychiatrie, in der namenloses Elend zuhause war, eine eigenständige Kinder- und Jugendspychiatrie schuf und sich damit ein Denkmal setzte: Prof. Dr. med. Hermann Meyerhoff ! Danke für Ihr großartiges Wirken, Herr Professor!


Bild 29 - Grabstein Kobelt
Bild 29 – Grabstein Kobelt

Und hier ruht in Frieden der Mann, der bewiesen hat, daß ich doch bildungsfähig bin und mich sogar für den Besuch der Hauptschule vorbereitete: Herr Helmut Kobelt!


Fotos: Günter Wulf

Zeitzeugen, die ebenfalls Erfahrungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erlebt haben, dürfen mich gerne anschreiben.
Email: info (at) alte-schleihalle.de