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An dieser Stelle veröffentliche ich einen Bericht über die Sturmflut vom 13.November 1872 von C.N.Schnittger. Dieser Text wurde bereits in dem Buch „Erinnerungen eines alten Schleswigers“ von Schnittger in den Jahren 1890/91 abgedruckt.

Der Herbst des Jahres 1872 war für unsere engere Heimat insofern ein ungewöhnlicher, als ein ständiger Westwind mit wechselnder Stärke wehte. Am 11.November ging der Wind plötzlich nach Norden herum, der folgende Tag brachte Ost-Nord-Ost-Sturm, der am Abend abflaute, um am 13.November aus Nord-Ost, später wieder aus Ost-Nord-Ost von neuem und zwar mit orkanartiger Gewalt einzusetzen. Die Temperatur fiel an diesem tage auf Null, schwere Schneeböen gingen dabei nieder.

Nichts Schlimmes ahnend, hatte man den 12.November, wie überall an unserer Ostküste, so auch in Schleswig in gewohnter Weise beschlossen. Der Wasserstand der Schlei war freilich ein hoher, aber der mehr und mehr abnehmende Sturm ließ kein weiteres Steigen der Flut befürchten.
Überraschend kam daher den meisten Stadtbewohnern beim Erwachen am nächsten Morgen die Kunde, daß eine Sturmflut bevorstände und daß bereits die niederig gelegenen Stadtteile in besorgniserregender Weise von den andrängenden Wassermassen bedroht würden. Von Stunde zu Stunde stieg jetzt die Flut, bald gewahrte man mit Hab und Gut flüchtende Menschen, der Verkehr in den Straßen stockte, stellenweise fuhren hier in Kähnen unsere Holmer Fischer, um rettend und bergend ihren Mitbürgern zur Seite zu stehen.

Im Laufe des Spätnachmittags bot die Stadt ein vollständig verändertes Aussehen. Jede Verbindung mit dem Holm war abgeschnitten, das Wasser bei der Fischbrücke stand bis zum Hause des Grobbäckers Paulsen, Fischbrückstraße Nr.11; im Rathausgarten spielten schaumgekrönte Wogen mit den Trümmern der zerbrochenen Einfriedigung; Schiffbrücke und Königswiesen waren unter meterhohem, wildbewegtem Wasser verschwunden, das um Mittag bereits dem Spielplatz der Domschule bespülte und in der Hafenstraße schließlich bis zum Hause des Schlachtermeisters Lietz, in der heutigen Plessenstraße bis zum Hause des Bildhauers Sünksen hinanreichte; auch am Stadtweg, bei der Firjahnschen Fabrik, trat das Wasser weit auf die Starße hinaus, ebenso beim Gewese des Hotelbesitzers Dehn im Lollfuß.

Der Gottorfer Damm bis an den Hesterberg glich einer brandenden See, Schloß Gottorp war wieder zum einstiegen Inselschloß geworden, und jeder Verkehr mit dem Friedrichsberg auf gewohnten Wegen unmöglich. Die Zahl der von dem Wasser vertriebenen Bewohner wuchs stündlich, schon war der Rathaussaal und der Lorentzsche Tanzsaal auf dem „Großen Baumhof“ zur Aufnahme etwaiger Obdachlosen eingerichtet, als gegen 9.00 Uhr abends mit dem Abflauen des Sturmes ein Fallen des Wassers wahrnehmbar wurde und damit jede weitere Gefahr beseitigt schien.

 

Gotterfer Damm

Gottorfer Damm um 1860.
Nach einer zeichnung von H.Carstens.

 

Der 14.November war ein schöner Herbsttag; der Sturm hatte sich gelegt, das Wasser war im schnellem Rücklauf begriffen, die Sonne schien heiter vom blauen Himmel, sie beleuchtete jedoch ein schreckliches Bild der Zerstörung, das sich im einzelnen schwer beschreiben läßt, aber jedem, der der es gesehn, unvergeßlich bleiben wird. Die größte Verwüstung hatte die Flut am Gottorfer Damm angerichtet. Dieser war an zwei Stellen vollständig durchbrochen und zwar an seinem westlichen Ende und in der Mitte, kleinere Brüche befanden sich außerdem an beiden Seiten der Schleuse. Die Passage nach dem Friedrichsberg war nur mittels Boote möglich. Von den Bäumen des Dammes war eine Anzahl entwurzelt, die Telegraphenleitung zerrissen und der erst kurz vorher fertiggestellte Stakeschutz an der Nordseite gänzlich verschwunden. Sämtliche Gebäude bis zur Gottorper Mühle (Gottorpstraße Nr.9), hatten ebenfalls schwer gelitten, die beiden, zum kösterschen Gewese gehörenden Ställe waren zertrümmert.

Das Dammende nach dem Lollfuß hin bot den gleichen Anblick der Zerstörung. Alle hier stehenden Häuser hatten geräumt werden müssen, die Hintergebäude, soweit sie nicht zerstört waren, zeigten starke Beschädigungen. Am härtesten betroffen waren die nach der Schleistraße belegenen Besitzungen von Maß, Hoffmann, Holdermann, Jensen und von Bülow. Im eigentlichen Lollfuß war die Strecke von Gottorper Damm bis zur heutigen katholischen Kirche den Angriffen der Flut am meisten ausgesetzt gewesen. Auch hier hatten viele Gebäude Schaden genommen, und einige ihrer Bewohner, wie z.B. Kaufmann Lagersen und Gastwirt Dehn waren zum teilweisen Räumen ihrer Wohnungen gezwungen worden.
Am Stadtweg litt namentlich die Firjahnsche Fabrik, sodaß die Arbeit hier eingestellt werden mußte; das Wasser nahm eine große Quantität Öl im Werte von ungefähr 1800 Mark mit fort.

 

Lollfuß

Lollfuß 13.November 1872, rechts Hotel Stadt Hamburg.
Nach einer Zeichnung von C.N.Schnittger.

 

 

Lollfuß

Lollfuß 13.November 1872, rechts Hotel Stadt Hamburg.
Richard Eckener, „Die Überschwemmung in Schleswig“

 

In der Altstadt war die Zerstörung am ärgsten auf der Schiffbrücke (Hafenstraße). Alle hier stehenden Häuser mußten geräumt werden, das Wasser drang hier bis in die Etagen hinauf. Der alte Brückenvogt Enguary, der nicht zum Verlassen seines Hauses zu bewegen war, verbrachte die NAcht auf seinem Hausboden. Völlig zerstört wurde das jetzt der Witwe des Kapitäns Hansen gehörende Gewese, das als erstes in der Häuserreihe, den vollen Aufprall der Wogen zu bestehen hatte. Das einstöckige Haus neben der Villa von G.Jessen (Philosophengang), wie auch die letztere liefen voll Wasser, ebenso die Bureauräume des damaligen Landratamtes (neben dem Plessenschen Besitz), auch das mit demm Garten nach der Schlei zu belegene Konrektorat (Pastorenstraße) mußte geräumt werden.
Einen traurigen Anblick gewährten die kleinen Häuser auf und neben der alten Fischrücke, alle Mobilien in denselben waren durcheinander gewürfelt und teilweise zertrümmert, die Betten durchnäßt, die Türen fortgetrieben, die Fenster zerbrochen, die Bewohner geflüchtet. Den größten Schaden hatte hier der damalige Grützmüller Owe Jepsen (Süderholmstraße 1). Seine Mühle wurde durch das Wasser vollständig unbrauchbar, aus den unteren Räumen seines Hauses waren sämtliche Türen verschwunden, die Fundamente der Nebengebäude unterwühlt und mehrere hundert Sack Buchweizen verdorben.
Die Holzlager der Firmen Tüxen und G.Jessen & Co. hatten die Fluten entführt und teilweise am Mövenberg, teilweise am Öhr abgelagert, auch das auf der Schiffbrücke lagernde Militär-Schwimmfloß wurde dorthin versetzt. Erst nach Wochen war die überall zerstörte Ordnung in der Stadt einigermaßen wiederhergestellt und der enstandene Schaden notdürftig ausgebessert.

 

Schiffbrücke

Schiffbrücke mit Blick in den Hafengang um 1847.
Deckenmalerei von Bernhard Goos.

 

Gleich traurig wie in Schleswig stand es ringsumher am Schleiufer. Haddeby hatten sich die entfesselten Elemente zum besonderen Tummelplatz ausersehen. Fünf Gebäude des Ziegeleibesitzers Tams mit ihren Vorräten und Gerätschaften wurden von dem Wasser zerstört, in dem Haupthause mußten alle Mobilien, Betten, ec. preisgegeben werden, nur mit Aufbietung aller Kräfte gelang es, die Ziegelei zu schützen.
Furchtbar war die Chaussee von Schleswig nach Eckernförde in einer Länge von mehreren Kilometern zugerichtet. Der ganze Chausseekörper war streckenweise verschwunden und dessen Baumaterial weit über das angrenzende Land zerstreut. Infolge dieses Dammbruches nahm auch die Flut Eintritt in das Haddebyer und Selker Noor, deren Wasserspiegel bald in gleicher Höhe mit dem der Schlei standen, wodurch die bis dahin geschützt gewesene Clausensche Ziegelei am erstgenannten Noor stark beschädigt wurde.
Fahrdorf litt ebenfalls erheblich, besonders aber die Tietjesche Ziegelei in Borgwedel, wo das Wasser mehrere große Trockenscheunen zerstörte und hunderttausende der zum Verladen fertigen Ziegel in einen großen Trümmerhaufen verwandelte; der hier angerichtete Schaden betrug nach amtlicher Schätzung annähernd 27000 Mark. Das Dorf Borgwedel selbst blieb wegen seiner höheren Lage verschont.

Angstvolle Stunden verbrachte der Landmann Greve, der sich zu Ausgang der sechziger Jahre auf der Halbinsel Palör (Reesholm) angebaut hatte. Schon am 12.November war er durch das Wasser von jeder Verbindung mit dem Festlande abgeschnitten. Als aber in der folgenden Nacht der Sturm ärger zu toben begann, das Wasser höher und höher stieg und aller Verkehr mit dem Festlande zur Unmöglichkeit geworden war, da konnte er sich das schreckliche seiner Lage nicht mehr verhehlen. Bald trieben ihn die steigenden Fluten mit seiner Familie auf den Hausboden, wo alle 24 Stunden lang zubringen mußten. Die Fachwerkswände des Hauses stürzten ein, vier Stück Rindvieh und ein Schwein ertranken in den unteren Räumen, der gesamte Hausrat wurde von den Wellen fortgeführt.
Greves Notzeichen und Hülferufe wurden wohl vom Lande aus gesehen und vernommen, aber wo waren Menschen zu gewinnen, die einen Rettungsversuch, der keine Aussicht auf Erfolg versprach, wagen zu wollen ?
Vergebens eilte der Besitzer des Gutes Winning, namens Schlüter, nach Schleswig und bot demjenigen, der es wagen würde, der bedrängten Familie Rettung zu bringen, 300 Mark, vergebens wurde dieses Gebot von anderen hochherzigen Leuten wiederholt, die Unglücklichen blieben ohne Hülfe, erst der Morgen des 14.November brachte ihnen die Erlösung, von Borgwedel aus nahte der rettende Kahn, der die fast erstarrte Familie aus ihrem, zum trümmerhaufen gewordenen Hause forttrug (Anm. Das Haus ist nicht wieder aufgebaut und sein einstiger Besitzer nach Amerika ausgewandert).

 

Hausstelle Reesholm

Die Lage der ehem. Hausstelle Reesholm.
Hausstelle Reesholm

Die Reste eines Brunnens vor Reesholm (1991).

 

Große Sorge herrschte in der Stadt wegen der auf Schleimünde beschäftigten Handwerker. Diese, fast sämtliche Schleswiger, waren hier unter der Leitung des Maurerpoliers Jürgensen, des Vaters des derzeitigen Maurermeisters R.Jürgensen in Schleswig, mit der Ausführung einer Mole beschäftigt, als Sturm und Flut einsetzten. Sie wurden mit der Lotsenfamilie freilich gerettet, mußten aber zunächst mit dieser auf den Boden des Lotsenhauses flüchten. Umtost von der sturmgepeitschten See, die Stück auf Stück von den Mauern des Unterhauses losriß und Vieh, Mobilien sowie alles weitere Hausgerät fortschwemmte, verbrachten sie hier von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts eine grauenvolle Zeit. Wie durch ein Wunder war ein Pferd des Lotsen dem Tode entgangen, erst mitten in der wogenden See um das Haus schwimmend, hatte es sich schließlich in den Zweigen eines Fliederbaumes festgesetzt und war von dort zuletzt auf das Dach eines Heuschuppens getrieben, von wo man es später herunter holen mußte.

Die Sturmflut des Jahres 1872 ist die bedeutendste gewesen, die unsere Ostküste in den letzten Jahrhunderten betroffen hat. Sie hatte am Schleiufer ungefähr 5 Tonnen Land gänzlich verschlungen und etwa 25 Tonnen auf mehrere Jahre verwüstet, infolge der nördlichen Windrichtung war von ihr das Südufer stärker angegriffen, als das Nordufer.
In Schleswig ist die Höhe des Wasserstandes kenntlich gemacht durch die an verschiedenen Häusern angebrachte Tafeln; einen Vergleich der Fluthöhe mit derjenigen der Jahre 1694 und 1836 gewähren die Merkzeichen der alten Gottorper Mühle (Gottorpstraße 9).

 

Gottorfer Mühle

Die ehem. Gottorfer Mühle
Gottorstraße 9
Gottorfer Mühle

Gotterfer Mühle, Kellereingang mit den
Hochwassermarken von 1694, 1836 und 1872.
Hafenstraße

Hochwassermarke am Haus Hafenstraße 40.
Hafenstraße

Hochwassermarke am Haus Hafenstraße 40.
Eine derartige Markierung befand sich bis vor ein paar Jahren
auch am ehem. Hotel Stadt Hamburg im Lollfuß.

 

Soweit der Bericht von C.N.Schnittger zur Sturmflut vom 13.November 1872. Zum Abschluß noch einige wenige Informationen zum Thema Sturmfluten in Schleswig :

Die Schleswiger Nachrichten berichten am 12.Februar 1940 über die Sturmflut von 1872 und nennen auch noch diese Sturmfluten, von denen das Stadtgebiet betroffen war :

 

  • 1320 to sunte Andreas baghe
  • 1449 up St.Gallen
  • 1625 to den 13. unde 14.Oktober
  • 1616, 05.Januar nach einem heftig tobenden Sturm
  • 1694, 10./11.Februar bei dem Damm stand das Wasser 3 Fuß über der Erde – Markierung Gottorfer Mühle
  • 1694, 26./27.Februar Holz von Schiffbrücke weggeschwemmt

 

Weitere Daten zum Hochwasser 1872 :

Der Pegel der Schlei stieg auf 2m über Normal. Am 13.November erreichte das Hochwasser gegen 9 Uhr abends seinen Höchsstand mit 59 cm über der Marke von 1694. Der Gottorfer Damm war überspült, die Schleistraße und die untere Königsstraße standen unter Wasser, ebenso ein Teil des Kreisbahngeländes und des Güterbahnhofes.
An der Schiffbrücke reichte das Wasser bis zum Hafengang und an der Plessenstraße fast bis zur Norderdomstraße. Auch die Verbindung zum Holm war im Bereich der heutigen Knud-Laward-Straße überspült. Hinter dem Rathaus und Graukloster stand das Wasser am Gartenrand. Ein Haus auf dem Holm bei „Nienstadt“ mußte vorrübergehend geräumt werden. Ein Haus wurde völlig zerstört, 186 Gebäude wurden beschädigt; etwa 620 Einwohner waren betroffen. Der geschätzte Gebäudeschaden wurde mit 25800 Reichstaler beziffert. Eine Sammlung in der Bevölkerung zur Linderung der ersten Not brachte 5000 Taler ein. Die städtischen Kommissionen waren noch lange Zeit mit der Schadensregulierung beschäftigt.

Quellen : C.N.Schnittger, Erinnerungen eines alten Schleswigers, Neuauflage Philippsen, 1904
Ernst Schlee – Die Stadt Schleswig in alten Ansichten
Schleswiger Nachrichten12.02.1940
Theo Christiansen – Schleswig 1836-1945
Ernst Schlee – Leben und Treiben im alten Schleswig

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