Dieser Bericht ist ein Versuch, die Geschichte des Hauses Lollfuß 103, allgemein unter dem Namen „Schleihalle“ bekannt, darzustellen. Da dieses Vergnügungslokal über Jahrzehnte hinweg zum Stadtbild gehörte, kann an dieser Stelle nur ein kleiner Einblick in die Geschichte gegeben werden, soweit sie mittels noch vorhandener Unterlagen, Berichte und sonstigen Aufzeichnungen rekonstruiert werden kann.
Bereits im Jahr 1998 hatte der Schleswiger Historiker Theo Christiansen einen Aufsatz über Johann Jürgens und die Schleihalle in den Beiträgen zur Schleswiger Stadtgeschichte veröffentlicht, leider wird die Baugeschichte des Hauses von Christiansen zum Teil unkorrekt wiedergegeben. Wer jedoch etwas über die Person des Johann Jürgens erfahren möchte, dem sei dieser Bericht empfohlen, da Christiansen noch die Möglichkeit hatte, subjektive Aussagen von Zeitzeugen der verwerten, die Jürgens persönlich gekannt haben.


Gliederung

1. Die Besitzer 1881 – 1928
2. Jürgens übernimmt die Schleihalle
3. Die Umbaujahre 1931 – 1936
4. Die Schleihalle 1937 – 1945
5. Die Nachkriegszeit und die Jahre bis 1964
5.1 Betriebsprüfung Juni 1953
6. Der Niedergang 1964 – 1968
7. Die neue Schleihalle

Anhang

A. Firmenübersicht
B. Nachruf
C. Die Schleihallen-Gesellschaft
D. Quellennachweis




1. Die Besitzer 1881 – 1928

Spärliche Informationen über die Historie Schleihalle lassen sich bei Johannes von Schröder und Heinrich Philippsen finden. Von Schröder schreibt: „Das Personale des Zollamtes besteht aus einem Zollverwalter und einem Controlleur. Das Gebäude, welches der Zollverwalter bewohnt, ist kein königliches, sondern ein Privathaus, und liegt in dem Lollfuße, an dem Ende des großen Dammes.“
Heinrich Philippsen über die Zollstation: „Das Gebäude war ursprünglich ein altes Zoll-Packhaus“, das um die Mitte der 70er Jahre des 19.Jahrhunderts zu einer Gastwirtschaft umgebaut wurde.“

Die weiteren Angaben zur Geschichte des Gebäudes Lollfuß 103 beginnen im Jahr 1881. In jenem Jahr erwarb die Stadt Schleswig das „alte Zollpackhaus am Gottorfdamm“ vom Finanzministerium. Bereits zwei Jahre später wird der Name „Schleihalle“ verwendet, als die Stadt Schleswig das „Stationsgebäude Schleihalle“ 1883 an den Gastwirt Riedel verpachtete. Riedel führte den Restaurationsbetrieb, der sich neben dem Warteraum für die Fahrgäste der Schleibahn befand, die die Haltestelle „Schleihalle“ vielfach benutzten. In diesen Jahren verkehrten täglich mindestens 10 sogenannte „Übergabezüge“ zwischen dem Bahnhof Friedrichsberg und der Altstadt, die auch der Personenbeförderung dienten. Weitere Bedarfshaltestellen der Schleibahn waren vor Schloß Gottorf und am Domziegelhof. Bereits 1884 gab es einen Pächterwechsel, neuer Pächter der Restauration im Stationsgebäude wurde der Gastwirt Carl Nissen sen.

Bauzeichnung 1892
Bauzeichnung 1892

Schleihalle um 1892
Schleihalle um 1892

Bauzeichnung 1892
Bauzeichnung 1892

Schleihalle um 1892
Schleihalle um 1892

Schleihallen-Werbung 1903
Schleihallen-Werbung 1903

Schleihallen-Werbung 1912
Schleihallen-Werbung 1912

Am 1.April 1892 vermiete die Stadt das ganze Grundstück an die  „Schleihallen-Gesellschaft“ (siehe Anhang B)  für 2000 Mark jährlich. Die Gesellschaft bestand überwiegend aus höheren Beamten und Offizieren und diente dem geselligen Zusammensein. Die Stadt hatte sich gegenüber der „Schleihallen-Gesellschaft“ verpflichtet, einen ca. 20 000 Mark teuren An- und Umbau des Gebäudes vornehmen zu lassen. Durch diese Baumaßnahme wurde die Schleihhalle um den Anbau mit dem Türmchen zur Schleiseite und dem Erker zum Lollfuß hin erweitert. In der Baubeschreibung vom 21.Mai 1892 heißt es: „Zur Erweiterung der Schleihalle ist ein massiver aus Keller-, Erd-, Ober- und theilweise ausgebautem Dachgeschoß bestehender Anbau projektiert, der mit dem bestehendem Gebäude unter ein Dach gebracht werden soll…Der Erker und der Thurmaufbau nach der Schleiseite hin sollen in aufgemauerten Fachwerk hergestellt werden.“
Nach der Baumaßnahme waren diese Räumlichkeiten vorhanden: Im Erdgeschoss wurden zwei große Räumen (Kneip-Säle) und ein kleines Zimmer eingerichtet, im Obergeschoss ein Lese- und ein Billardzimmer sowie einen etwas größerer Saal (Kneip-Saal). Im Dachgeschoss waren Wohnungen, im Kellergeschoss Küche, Waschküche, Speisekammer, Kartoffel- und Weinkeller untergebracht.

Die Wirte während der Jahre 1893-1909:
01.04.1893 – 01.04.1899 Theodor Lüben
01.04.1899 – 01.04.1904 Friedrich Gerhardt
01.04.1904 – 31.12.1906 Adolf Flenker
01.01.1907 – 1909 Ernst Eckermann, Kiel


Im Jahr 1899 wurde die Veranda, die zur Schleiseite hin am Gebäude verlief, zu einer „Glashalle“, also einer Art Wintergarten, umgebaut. Die Bilder unten zeigt die Schleihalle mit der neuen Glashalle. Die Schleihallen-Gesellschaft trat 1909 von dem Mietvertrag zurück, daraufhin verkaufte die Stadt das gut gelegene Grundstück für 40 000 Mark an den Privatier Friedrich Müller aus Tarp. Die Schleihallen-Gesellschaft mietete nun von Müller das Obergeschoss für ihre Zwecke an, im Oktober 1907 pachtete die geschiedene Gastwirtin Olga Specht-Fey die Räumlichkeiten von der Schleihallen-Gesellschaft.

Im Februar 1919 verkaufte Friedrich Müller das Anwesen wieder, zum 01.März 1919 wurde der Kieler Gastwirt Ernst Möller neuer Besitzer. Möller stellte den Antrag,  auch das Dachgeschoss, in dem bisher die Familie des Vorbesitzers wohnte, als Logierzimmer nutzen zu dürfen.
Seit 1921 fanden in der Schleihalle, auf Antrag Ernst Möllers, öffentliche Unterhaltungsveranstaltungen statt. In dem Antrag vom 21.Januar 1921 schreibt Möller: „…beantrage ich die Erlaubnis, öffentliche Veranstaltungen von Gesangs- und deklamatorischen Vorträgen durch Herrn Franz Torn aus Flensburg mit zwei Herren und einer Dame durchführen zu dürfen.“ Zahlreiche Besucher waren von der ersten Vorstellung begeistert und haben sich eine Wiederholung gewünscht. Möller nahm an, dass auch die zukünftigen Aufführungen sehr gut vom Publikum angenommen werden würden.
Möller hat scheinbar den richtigen Sinn gehabt, was seinen Gästen gefällt, denn im November 21 erhielt er auf seinen Antrag hin von der Stadt die Erlaubnis zur Durchführung von  „gewerbsmäßiger Veranstaltung von Singspielen, Gesangs- und deklamatorischen Vorträgen, Schaustellungen von Personen oder theatralischen Vorstellungen, ohne dass ein höheres Interesse der Kunst oder Wissenschaft dabei obwaltet.
Schon der Gastwirt Möller holte Künstler aus Hamburg in die Schleihalle, an solchen Abenden blieben die Gäste häufig länger als erlaubt. Als Folge bekam Möller viele Male Anzeigen wegen Überschreitung der Sperrstunde.
Offensichtlich stand Möller diesen Anzeigen recht gelassen gegenüber, dies ist einem Protokoll vom 22.11.22 zu entnehmen, als er eine erneute Anzeige wegen der Sperrstunden-Überschreitung erhielt. Gegenüber dem Pol.-U.-Wachtmeister Müller machte der Gastwirt die Aussage, dass er „lieber Strafe zahlen würde als Feierabend zu machen, da es gute Gäste seien und sich dadurch beleidigt fühlen könnten.“

Einen erneuten Besitzerwechsel gab es im Juni 1925, als Jacob Glockow den Restaurationsbetrieb von Möller für 37 000 Goldmark erwarb.

Schleihalle um 1900
Schleihalle um 1900

Schleihalle um 1900
Schleihalle um 1900

Schleihalle 1909-1919
Schleihalle 1909-1919

Schleihalle 1925-1928
Schleihalle 1925-1928

Anzeige SN 27.Juni 1928
Anzeige SN 27.Juni 1928

Anzeige SN 07.Juli 1930
Anzeige SN 07.Juli 1930



2. Jürgens übernimmt die Schleihalle

Am 23.Juni 1928 erwarb der noch heute bei vielen älteren Schleswigern bekannte Johann Jürgens das Grundstück von Glockow. Damit begann für diese Unterhaltungsstätte eine ganz neue Ära, in der die Schleihalle auch über die Landesgrenze hinaus einen Ruf und Ansehen genoss.

Johann Jürgens wurde am 30.04.1897 in Norderhastedt, Dithmarschen, geboren und kam 1927 als Gastwirt nach Schleswig, um den „Goldenen Stern“, Gottorfstraße 7, zu übernehmen. Jürgens war verheiratet, seine Frau Frieda, geb. Dabbert, wurde am 22.Oktober 1898 geboren. Als die Schleihalle 1928 zwangsversteigert wurde, erkannte Jürgens seine Chance und erwarb das Gebäude für 27 000 Reichsmark. Mit zwei Musikern, einem Mädchen und einem Hausknecht führte Jürgens anfangs seine neu erworbenen Gastronomie. Den etablierten Restaurantbetrieb ergänzte Jürgens von nun an mit „Tanzeinlagen“, dieses spielte sich im Erdgeschoss ab, da sich im Obergeschoss Versammlungsräume befanden.
Die ersten, vereinzelten Varieté-Nummern hatte Jürgens noch tageweise verpflichtet, nach anfänglichen Konzessionsproblemen pachtete er noch die „Tonhalle“ in Rendsburg sowie das „Casino“ in Flensburg. Von nun an konnte Jürgens seine Künstler in einer Art „Verbundwirtschaft“ zwischen seinen Häusern einsetzten. In der Praxis sah es so aus, dass die Varieté-Künstler von einem Programm zum anderen gefahren wurden, zudem wurden die Darsteller auch von außerorts wie z.B. Berlin oder Köln geholt, damit sie an den drei Standorten auftreten konnten.

Seit Juni 1929 hatte Jürgens seine Schleihalle an den Gastwirt Franz August Osmer aus Heiligenstedtenerkamp verpachtet, möglicherweise war Jürgens mit der Führung der drei Standorte überfordert. Bedingt durch die hohe Pacht, die er in den Nachbarstädten zahlte, gab er diese Standorte in späteren Jahren wieder auf und konzentrierte sich auf seinen Besitz, die Schleihalle in Schleswig. Am 20.Juni 1930 übernimmt Jürgens von Osmer wieder seine Schleihalle um sie eigenhändig zu führen.
Auch die seit Anfang den 20er Jahren stattfindenden „gewerbsmäßigen Singspiele, Gesangs- und deklamatorische Vorstellungen“ ließ sich Jürgens erneut genehmigen, in dem Antrag vom 13.02.29 schreibt Jürgens: „Um meinen Gästen eine angenehme Unterhaltung bieten zu können, beabsichtige ich 4 bis 5 erstklassige Künstler in Kürze zu engagieren, die dann nach einigen Wochen wieder durch andere Kräfte ausgetauscht werden. Ich bemerke noch, dass in meinem Lokal ein Musikerpodium eingerichtet ist und höchstens 2 bis 3 Künstler auftreten können.“ Jürgens erhielt im Mai 29 von der Stadt die entsprechende Genehmigung.
Im Dezember 1929 erwarb Jürgens das Hinterhaus (zur Schleistraße hin) des Nachbargrundstückes Lollfuß 101, um das Erdgeschoss zu bewohnen. Seit 1935 befand sich das gesamte Grundstück Lollfuß 101 im Besitz von Jürgens.
In der Schleihalle spielten aber nicht nur Tanzkapellen, sondern Jürgens veranstaltete im November 30 einen „großen Opern- und Operettenabend mit einem erstklassigen Künstlerkonzert.“
Ärger mit den Behörden hatte der Gastwirt, der auf das Wohl seiner Gäste bedacht war, im Jahr 1932. In der Nähe der Herren-Toilette ließ er einen Automaten anbringen, „der gegen Einwurf eines bestimmtes Geldbetrages ein Päckchen Präservatus herausgab.“ Nun wurde überprüft, ob dieser Artikel verkauft werden durfte, denn es durften nur Mittel verkauft werden, die zur Verhinderung der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten amtlich zugelassen waren.

 


3. Die Umbaujahre 1931 – 1936

In den Jahren 1933 bis 1936 ließ Jürgens die Schleihalle mehrfach umbauen, das Gebäude erhielt Anbauten , der Turm und Erker wurden abgebrochen und das Gebäude bekam die Gestalt, die es bis zum Abbruch 1968 hatte.
Im Jahr 1933, vor den drei Umbauphasen, befanden sich im Erdgeschoss der Schleihalle das große Gastzimmer mit einem Podium für Musiker (an der Wand zum Lollfuß hin), ein Raum für das Büfett und die Veranda. Im Obergeschoss waren ein Saal, eine Tonbank, ein Wohnzimmer, ein Büro und der Balkon.
Die erste größere Baumaßnahme plante Jürgens im April 1931. Die Veranda mit dem Haupteingang sollte mit einer geschlossenen Glasveranda überbaut werden, die mit „Schiebefenstern der besonderen Konstruktion“ versehen war. Obwohl die Baugenehmigung im Juni 31 erteilt wurde, verschob sich der Baubeginn bis August 1933.  Im Januar 33 gab Jürgens seine Tonhalle in Rendsburg auf, das Inventar wurde versteigert. Vermutlich verwendete Jürgens diese Erträge, um seinen Schleihallen-Anbau zu finanzieren.
Als besondere Attraktion sollte die Glasveranda ursprünglich mit einem Glasdach versehen werden, dieser Plan wurde jedoch nicht umgesetzt und  die mit dem Bau beauftragte Firma (W.Stadelmann, Schleswig)  stellte ein massives Dach mit „Hohlziegeldecke“ her. Der neu hergestellte Raum brachte Jürgens im April 1934 Ärger mit der Stadt Schleswig ein, denn diese forderte ihn nun auf, einen neuen Konzessions-Antrag für den Anbau zu stellen. Jürgens argumentierte jedoch, dass die alte, offene Veranda bereits konzessioniert war und sich die Grundfläche nicht geändert hätte. Allerdings nutzte Jürgens das Dach des neuen Anbaus als Balkon, auf dem im Sommer die Gäste bewirtet wurden, daher musste er im Januar 1935 einen neuen Konzessionsantrag stellen.

Einen erneuten Umbau plante Jürgens bereits ein Jahr später, kurz nachdem er den entsprechenden Bauantrag eingereicht hatte, teilte er im Oktober 34 der Baupolizei mit, dass der beantragt Bau nicht ausgeführt wird, da ein anderer Umbau vorgesehen ist, für den der Bauantrag noch eingereicht wird. Der Umbau von 1934 sah u.a. eine 23 m2 große Öffnung der Decke zwischen dem Erd- und Obergeschoss vor.
Seit 1933  gehörte Jürgens mit seiner Schleihalle dem“ Reichsverband der Deutschen Artistik“ an. Um dort Mitglied werden zu können und auch um überhaupt einen Gewerbeschein zu bekommen, musste Jürgens nachweisen, dass seine Ahnen und er selbst nicht jüdischen Glaubens waren (Ariernachweis). Da Jürgens bereits Mitglied des R.d.D.A. war, lehnte er im Mai 1934 eine zusätzliche Mitgliedschaft im „Reichseinheitsverband des Deutschen Gaststättengewerbes (R.E.V) ab.

 

Im November 33 teilte Jürgens dem Steueramt der Stadt mit, dass er den oberen Saal (Zillertal) nicht mehr regelmäßig in Betrieb hätte und im Einzelfall die Inbetriebnahme vorher am Montag melden würde. Zudem habe er den Kabarett-Betrieb eingestellt. Um eine Erhöhung der Vergnügungssteuer abzuwenden schreibt er im gleichen Monat an das Steueramt: „Ich habe durch jahrelanger Aufbauarbeit mein Ziel verfolgt, in Schleswig, wenn auch ein kleines, doch ein wirklich erstklassiges Kabarett aufzuziehen, das jeden Kitsch und Tingel-Tangel ausschaltet. Ich war stets bestrebt, eine wirkliche Kleinkunstbühne zu schaffen und der Erfolg hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Wege bin.“
Da Jürgens jedoch schon eine Steuerschuld hatte, wurde eine Reduzierung der Vergnügungssteuer abgelehnt. Im Februar 34 konnte er von seiner 452,55 RM betragenden Steuerschuld nur 116,70 RM begleichen. Einen Teil der Schuld hat er durch Abtretung der ihm zustehenden Reichszuschüsse an das Steueramt beglichen.
Die Schleihalle bescherte Jürgens aber keine großen Einnahmen, er beklagte im Juni 34: „Mein Geschäft hat mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen… Ferner mag dort beobachtet werden, dass auch das SA-Tanzverbot bei Uniformtragen schädigend wirkt.“ Das Steueramt vermutete, dass bereits 1931 eine „erhebliche Verschlechterung der Wirtschaft“ einsetzte.
Im Juli 34 war der Betrieb Schleihalle mit 37488,-RM verschuldet, für den Zeitraum 01.Januar – 23.Juni 34 gab Jürgens an,  33645,18 RM eingenommen zu haben. Seine Ausgaben betrugen in diesem Zeitraum 36108,23 RM.

 

Die Schleihalle entsprach offensichtlich nicht den damaligen Bau- und Sicherheitsbestimmungen, denn im April 1935 fällte das Kreisverwaltungsgericht Schleswig ein Urteil gegen Jürgens, mit dem dem Gastwirt auferlegt wurde, verschiedene Umbauten durchzuführen, um weiterhin Bier, Wein, Branntwein und alkoholfreie Getränke ausschenken zu dürfen. Insbesondere musste er Türen und Treppen umbauen lassen, es fehlten u.a. Treppengeländer und Beschilderungen der Ausgänge.

Die neue Baubeschreibung vom 21.August 1935 gibt Auskunft über die Umgestaltung der Vergnügungsstätte. Jürgens plante eine deutliche Vergrößerung seines Lokals, indem er nicht nur die mittlerweile baufällig und unansehnlich gewordenen Glashalle, sondern auch die an der Schleistraße gelegene unbebaute Fläche mit in die Schleihalle einbeziehen wollte. Zudem waren im Gebäude selber, das bis dahin noch aus kleineren Räumen und verwinkelten Gängen und Treppen bestand, umfangreiche Umbauten und Modernisierungsarbeiten geplant. Ein Problem waren beispielsweise die langen Wege von der Küche, die sich, wie die Toiletten und weiteren Wirtschafträume bisher im Keller befanden, zu den Gasträumen. Durch den Umbau wurden diese Räume in das Erdgeschoss des Hauses Lollfuß 101 gelegt.  Die zu  konzessionierende Grundfläche steigerte sich jedoch nur um 21,25 m2.  Durch den Anbau an der Schleistraße vergrößerte sich die Anzahl der Sitzplätze im Erdgeschoss auf 362, dagegen verringerte sich die Plätzezahl im Obergeschoss auf 131. Die Tanzfläche im Erdgeschoss betrug 27 m2, die im Obergeschoss 10 m2.  Bereits im August 35 begannen die Bauarbeiten, den Bauantrag reichte Jürgens erst am 09.September 35 ein.

 

Geplanter Anbau 1931
Geplanter Anbau 1931

Baustelle 1935
Baustelle 1935

Nach dem Umbau 1935
Nach dem Umbau 1935

Nach dem Umbau 1935
Nach dem Umbau 1935

Einladung zur Neueröffnung nach Umbau. 11.Nov.1935
Einladung zur Neueröffnung nach Umbau. 11.Nov.1935

Anzeige SN 02.Dezember 1935
Anzeige SN 02.Dezember 1935

Für die Inneneinrichtung ließ sich Jürgens etwas ganz Besonderes einfallen – er erwarb in Hamburg Teile der Ausstattung des zum Abwracken vorgesehen Luxusdampfers Cap Polonio in einer Versteigerung. Das Schiff hatte er Tage zuvor besichtigt und festgestellt, dass er einiges für sein umgebautes Lokal verwenden könnte. Er ersteigerte den Speisesaal 1.Klasse mit allem Zubehör und wohl auch Teile des Wintergartens, die zukünftig den Wintergarten der neuen Schleihalle zieren sollten. Darunter befanden sich der Fußboden, Wand- und Deckenpaneele, Ölbilder und ein von Pflanzen umrahmter Springbrunnen. Der Anbau wurde von dem Hamburger Architekten Pocorny entworfen. Einige Relikte befinden sich heute (2013) in Privatbesitz, darunter ein Teil  der prachtvollen Bleiglasdecke, die von dem Hamburger Glas- und Kunstmaler Nickels erstellt wurde, sowie Reliefs aus Carrara-Marmor mit Darstellungen aus der griechischen Mythologie, die von dem Bildhauer Hermann Feuerhahn erschaffen wurden. Am 15.November1935 fand die Eröffnung des umgebauten Vergnügungslokals statt, die Schleswiger Nachrichten berichteten unter der Überschrift „Die neue Schleihalle“ am 16.November 35:

„Von den architektonisch verzwickten und verbauten Räumlichkeiten der alten Schleihalle mit ihren vielen Treppen, Stufen und Säulen ist nichts mehr stehengeblieben. Nach der Schleistraße hin setzte man den Erweiterungsbau an und brachte alle übrigen unteren Räume auf diese eine Ebene. So entstand ein großer, einheitlicher und harmonisch geschlossener Raum, der die Möglichkeit bot, die monumentale Schönheit der Cap Polonio-Einrichtung zu voller und schöner Geltung kommen zu lassen.“

Jürgens ließ regelmäßig große  Annoncen in den Schleswiger Nachrichten veröffentlichen, in den er sein umfangreiches Vergnügungsprogramm bewarb. So ist der Anzeige vom 2.Dezember 1935 zu entnehmen, welche Künstler in der Schleihalle auftraten: der Vortragskünstler Axel Mulford, die Sängerin Friedel Thory, der Akrobat Winton, die Künstlerin Fränzi Pa-Loma mit ihren Wundertauben sowie der Gleichgewichtskünstler Elwino. Zudem gab es Unterhaltungsmusik von der „fabelhaften Tanzkapelle“ Rudi José. In einer weiteren Annonce werden diese Künstler genannt: Fanni Assmann, Deutschlands größte Parodistin, die Spitzentänzerin Trude Selena sowie die Attraktionskapelle Reingold.

Für die öffentlichen Veranstaltungen verlangte die Stadt im November 35 eine wöchentliche Vergnügungssteuer von 171,- RM, die auf 90,- RM ermäßigt wurde, wenn Jürgens unaufgefordert am folgenden Montag auf dem Steueramt seine Schuld begleicht.
Die Veranstaltungen begannen sonntags um 16.00 Uhr, an den übrigen Tagen erst um 20.00 Uhr, Sperrstunde war um 1.00 Uhr, mittwochs, freitags und samstags um 3.00 Uhr nachts. Nicht nur mit der regelmäßigen Begleichung seiner Steuerschuld hatte Jürgens seine Probleme, sondern auch mit der Einhaltung der Sperrstunde, so bekam er recht häufig Anzeigen, weil in seinem Lokal noch um 4.30 Uhr morgens Gäste feierten.

Im Dezember 1935 gibt Jürgens an, dass er sein Grundstück „Goldener Stern“, Gottorfstraße 7, verkaufen musste und den Erlös restlos in den Betrieb (Schleihalle) hineinsteckte. Die finanzielle Situation des Gastwirtes war nicht nur in dieser Zeit sehr angespannt. Aus der Gewerbesteuerakte geht hervor, dass er im Dezember 35 folgende Schulden hatte: Bauschulden 5227,87 RM,  Hypothekenschulden 44850,-RM, Warenschulden von rd. 20000,- RM sowie weitere Außenstände von 400,- RM. Die monatliche Belastung für Löhne und Gehälter lagen bei 4200,-RM. Trotz der großen Neueröffnung am 15.November 35 beklagte Jürgens, dass sein Lokal nur an zwei bis drei Tagen voll ausgenutzt sei. Jürgens versuchte nun, mit ausgedehnten Öffnungszeiten weiteren Umsatz zu machen, so gab es ab Januar 36 täglich von 16.00 Uhr bis bis 3.00 Uhr nachts Tanzveranstaltungen.

 

Im Januar 36 gibt Jürgens gegenüber der Stadt an, dass sein Geschäft zur Zeit „sehr schlecht“ laufe. Darum bat er um Stundung der rückständigen Steuern sowie um eine Ermäßigung der Vergnügungssteuer. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte Jürgens ca. 30 Personen, die Stadt erfüllte sein Anliegen. Die Rückstände wurden bis April 36 gestundet und die Vergnügungssteuer halbiert.

Jürgens machte weiterhin mit großen Anzeigen in den Schleswiger Nachrichten auf seine Veranstaltungen aufmerksam. Laut einer Annonce vom 2.Mai 36 hatte die Schleihalle ein neues Programm mit diesen Künstlern: „Michael, der jugendliche, neben Sylvester Schäffer der größte Universal-Künstler der Welt, „Marla“ nach erfolgreicher Tournee und großem Gastspiel im Ufa-Palast und Edentheater in Hamburg mit seinem berühmten Marionetten-Theater, „Iren & Hariett“, die begeisternden Solotänzerinnen der bekannten Trichter-Revue Hamburg, der große Maler und Sprecher seiner Art „Caprano“ sowie die Attraktionskapelle Fritz Franke.

Wirtschaftlich kann es dem Betrieb gar nicht so schlecht gegangen sein, denn Jürgens plante einen weiteren großen Ausbau seines Lokals. Die Anbauten von 1933 und 1935 sollten um eine Etage aufgestockt werden. Im August 36 wurde wieder gebaut, neben der Aufstockung wurden auch der Turm und der Erker abgebrochen und die Schleihalle bekam zum Gottorfdamm hin mit der stufenförmige Fassade das Aussehen, das sie bis zum Abbruch im Mai 1968 hatte. Im Oktober 36 gibt Jürgens an, dass die beiden Umbauten 1935 und 36 zusammen 65000,- RM gekostet haben. Während 1935 trotz der Baustelle der Betrieb notdürftig weiterging, lag der Betrieb beim Umbau 1936 nahezu still. Die Schleihalle hat mit dem 2.Stockwerk zur Schleistraße hin den großen, prachtvollen Wintergarten erhalten, in dessen Mitte der Springbrunnen der Cap Polonio aufgestellt wurde. Der Anbau wurde nach den Plänen des nach den Plänen des Architekten Theodor Bock aus Hamburg errichtet. Dieser Wintergarten wurde tagsüber als Café genutzt, die große Eröffnungsfeier der neuen Räumlichkeiten fand am 22.Dezember 1936 statt, zu der Jürgens und seine Frau mit einer großzügigen Zeitungsanzeige öffentlich einluden. Zur Unterhaltung engagierte der Gastwirt zwei führende Kapellen und verschiedene Künstler, wie z.B. die „Sechs Lucky Girls“. Vor dem Umbau verfügte die Schleihalle über rund 400, nach dem Umbau über ca. 700 Sitzplätze.

Annonce SN 2.Mai 1936
Annonce SN 2.Mai 1936

Eröffnungs-Anzeige 19.Dezember 1936
Eröffnungs-Anzeige 19.Dezember 1936

Nach dem Umbau 1936
Nach dem Umbau 1936

Nach dem Umbau 1936
Nach dem Umbau 1936

Nach dem Umbau 1936
Nach dem Umbau 1936

Speisesaal Erdgeschoss
Speisesaal Erdgeschoss

Wintergarten Obergeschoss
Wintergarten Obergeschoss mit Bleiglasdecke

Wintergarten Obergeschoss
Wintergarten Obergeschoss mit Bleiglasdecke

Wintergarten Cap Polonio
Wintergarten Cap Polonio mit Marmor-Reliefs und Bleiglasdecke.

Marmor-Reliefs
Marmor-Reliefs in Privatbesitz.

Bleiglasdecke der Cap Polonio / Schleihalle
Bleiglasdecke der Cap Polonio / Schleihalle. Privatbesitz.

Bleiglasdecke der Cap Polonio / Schleihalle. Privatbesitz.
Bleiglasdecke der Cap Polonio / Schleihalle. Privatbesitz.

 

 


 4. Die Schleihalle 1937 – 1945

Auch in diesen Jahren fanden Modernisierungsarbeiten statt, so ließ Jürgens z.B. 1937 eine Zentralheizungsanlage einbauen. Im Februar 1937 beschäftigte Jürgens 50 Personen, allerdings lief der Betrieb nur schleppend weiter. Jürgens beklagte, dass sein Wintergarten nur teilweise, d.h. nur samstags abends sowie am Sonntag in Betrieb sei. Jürgens erschloss sich in diesem Jahr eine weiterer Einnahmequelle., indem er den bisher kostenlosen Eintritt in die Schleihalle auch bei Tanz- und Musikveranstaltungen durch den Verkauf von Eintrittskarten kostenpflichtig machte. Im Oktober 37 verkaufte Jürgens 7165 Eintrittskarten zu je 30 Pfg. und nahm allein damit 2149,50 RM ein.

Der Unternehmergeist des Gastwirtes Jürgens schien grenzenlos. Am 15. Mai 37 annoncierte er in den Schleswiger Nachrichten:
„Um den Fremdenverkehr der schönen Stadt Schleswig weiter zu fördern, und um stets in der Lage zu sein, weiterhin nur erstklassige Kapellen und Künstler zu verpflichten, haben wir auch die Bewirtung des Luisenbades übernommen, welches wir heute Abend eröffnen. Wir haben keine Mühe und Arbeit gescheut, um diesem, wohl einem der schönsten Fleckchen Erde, durch Neugestaltung und Renovierung Geltung zu verschaffen.“ Von nun an konnte Jürgens seine Künstler an zwei Lokalitäten in der Stadt auftreten lassen.

Neben Tanz und Musik konnte ab dem 1.Oktober 1937 in der Schleihalle auch geschossen werde. Werner Bull bot in seiner neu eröffneten Schießbahn Preis-, Blumen- und Scheibenschießen an. Scheinbar bestand rege Nachfrage nach diesen Schießdarbietungen, denn Bull übernahm im Juni 1938 auch die Schießbahn im Großen Baumhof sowie in der Waldmühle. Im August 38 gab Bull die Anlage in der Waldmühle wieder auf, die Vergnügungssteuer für die Schießbahn Schleihalle zahlte Bull letztmalig am 25.März 1939, d.h. der Betrieb der Schießbahn wurde wahrscheinlich eingestellt.
Im Juli 37 wurde eine große Varieté-Schau im Wintergarten veranstaltet, für Stimmung sorgte „Paul von Béky und seine 13 Solisten, das berühmte Konzert- und Tanzorchester bekannt durch viele Schallplatten und Rundfunkübertragungen.“
Zu einer „gewaltigen Großveranstaltung“ lädt  Jürgens am 1.9.-3.9.37 nachmittags und abends ein. Es wirkten mit: „das hervorragende Konzert- und Tanzorchester Erich Bassarak, „Der Meistergeiger“ mit seinen 6 Solisten, bekannt durch seine Vielseitigkeit und größten Erfolg im Rundfunk und führenden Kaffeehäusern Deutschlands, ferner die große Attraktionskapelle Valeries vom „Allotria Hamburg“, 13 Solisten mit einer unerhörten Bühnenschau. Außerdem eine große Schar Künstlerinnen und Künstler aus den ersten Varietés der Weltstädte, 10 Attraktionen. Es sagen an Hanns H.Friedrichs, der beliebte und bekannte Sänger und Harald Schacht, der Komiker im Frack.“
Für seine Schleihalle machte Jürgens auch überregional Werbung und organisierte sogar Busfahrten nach Schleswig, wenn besondere Veranstaltung geboten wurden.  Im Oktober 1937 beispielsweise erschien in den „Kieler neuesten Nachrichten“ die Annonce, in der er „Autobus-Ausflugsfahrten“ am Dienstag und Mittwoch nach Schleswig  zur „größten Varieté-Sensation der Welt – René und Polo Rivels“  bewarb. In jenem Jahr traten auch dieses Künstler auf: „Karl Heinz Wetzlar und sein Orchester, bekannt durch 2jährige Tätigkeit in Kiel“, „Bonzelius mit seinen Solisten, eine Tanzkapelle der Sonderklasse“.

Im Juni 1940 wird Jürgens besonders hart durch das Verbot „öffentlicher Tanzlustbarkeiten“ getroffen. Er darf sein Lokal von nun an nur noch als Restaurant nutzen. Wie sehr der Ausbruch des Krieges sein Geschäft schädigte, lässt sich an seinen Umsätzen ablesen.

Monatsumsätze [RM] 1938 1939
September 31489 8516
Oktober 34673 17200

Einen weiteren Einnahmeverlust musste Jürgens hinnehmen, als der Standortälteste der Garnison Schleswig bekannt gab, dass die Lokalität für Militärangehörige in der Zeit vom 3.September – 6.Oktober 1940 gesperrt sei. Jürgens beklagte sich: „Da ich in der Kriegszeit fast ganz auf den Besuch von Wehrmachtsangehörigen angewiesen bin, erleidet mein Geschäft infolge einen ganz bedeutenden Einnahmeausfall.“   Nach seinen Angaben war es ihm unmöglich, seiner Steuerschuld nachzukommen. Bis dahin hatte Jürgens Steuerrückstande in Höhe von 2281,97 RM.

Im April1944 beschwerte sich der Kreisobmann von der Hauptstelle des S.S.V. (Deutsche Arbeitsfront D.A.F., Gottorfstraße 2 ), bei der Stadt über die Schleihalle: „Gelegentlich eines Besuches der Schleihalle stellte ich dort in der Küche Verhältnisse fest, die durchaus nicht mehr tragbar sind. Der Raum ist dermaßen eng und unzulänglich, dass meines Erachtens die Gesundheitspolizei einschreiten müsste. Vor allen Dingen deshalb, weil für die dort tätigen Gefolgschaftsmitglieder kein sauberes, ordnungsgemäßes Arbeiten gewährleistet ist und zum anderen ist nicht einmal die Gelegenheit gegeben, dass die Gefolgschaftsmitglieder, ob es sich nun um deutsche oder ausländische handelt, ordnungsgemäß ihre Mahlzeiten einnehmen können.“

Daraufhin wurde das Gewerbeaufsichtsamt tätig und bemängelte im Mai 44, dass die Küche, in der täglich für bis zu 300 Personen gekocht werden würde, unzureichend sei. Zu viele Mitarbeiter waren in dem kleinen Raum tätig, der zudem nur schlecht belüftet gewesen war. Dieser Umstand wurde von Jürgens nicht abgestritten, in seiner Antwort an das Amt schreibt er:
„Der Küchenbetrieb hat durch die Verpflegung von etwa 200 Fliegergeschädigter und evakuierter Volksgenossen einen Umfang angenommen, der diesen Zustand unhaltbar macht.“ Jürgens richtete daraufhin im Haus Nr.101 separate Räumlichkeiten für die Gefolgschaftsleute ein.

Nachdem ein Vorauskommando der Engländer (Quartiermacher) am 6.Mai 45 in Schleswig eintraf und das Hotel Stadt Hamburg beschlagnahmte, um dort das RAF-Hauptquartier einzurichten, musste die im Hause wohnenden Eigentümer, Familie Steinhusen,  ihr Hotel verlassen. Zur Unterbringung der Familie Steinhusen baute Jürgens sein Dachgeschoss Lollfuß 103 zu einer Notwohnung aus, sodass Familie Steinhusen dort untergebracht werden konnte.

Am 18.Juli 1945 eröffnete Jürgens die Schleihalle wieder in vollem Umfang.

Annonce SN 28.August 1937
Annonce SN 28.August 1937

Annonce SN 01.Oktober 1937
Annonce SN 01.Oktober 1937


5. Die Nachkriegszeit und die Jahre bis 1964

 

Nach dem Krieg begann Jürgens, seine Firma umzustrukturieren. Am 30.September 1946 wurde unter der Nr.79 die “Schleihalle Gesellschaft m.b.H.” mit Sitz in Schleswig in das Handelsregister eingetragen. Gegenstand des Unternehmens war der Betrieb von Gaststätten, Varietés und anderen Betrieben des Gaststätten- und Beherbergungsbetriebes. Der Gesellschaftervertrag wurde am 20.September 46 festgestellt, das Stammkapital betrug 25000,- RM. Geschäftsführer der GmbH war natürlich Johann Jürgens,  seine Frau Frieda bekam Prokura. Die bisherige Einzelunternehmung “Schleihalle Johann Friedrich Jürgens, Schleswig” ist am 14.Oktober 46 erloschen. Bei einer Betriebsprüfung im März 48 wurde der Firma die steuerliche Anerkennung als GmbH versagt.

Zum 01.April 1949 pachtete Jürgens von der Stadt Schleswig die Theatergaststättten (Jahrespacht 3000,- DM). Die Herrichtung und Ausstattung mit Inventar kostete Jürgens 13500,- DM.  Davon rechnete die Stadt Schleswig  9000,- DM auf die Pacht an, wobei das Inventar in städtisches Eigentum überging. In der Einladung zur Eröffnung schreibt Jürgens: „In gemeinsamer Arbeit mit Handwerkern und Künstlern haben wir die Theater-Gaststätten vollkommen renoviert und eingerichtet. Wir glauben, in Schleswig eine Gaststätte geschaffen zu haben, die zu den schönsten und modernsten Norddeutschlands zählen wird.“ Scheinbar war Jürgens mit der Einrichtung der Gaststätte so beschäftigt, dass er es versäumt hatte, dieses Gewerbe rechtzeitig anzumelden – die Behörde wurde erst durch die Zeitungsannonce auf die Geschäftseröffnung  aufmerksam und forderte Jürgens auf, dieses Gewerbe umgehend anzumelden.

Auch in diesem Jahr traten unzählige Künstler in der Schleihalle auf. An den Jahrmarkttagen im September 1949 waren u.a. diese Künstler engagiert: das Tanz- und Schauorchester Waldy Krumnow mit den „Golden Serenaders“, in der Cap Polonio Bar spielte das beliebte Akkordeon-Duo Waltraud Jungton und Elly Krämer von dem weltbekannten „Gloria-Lilienborn-Expreß“. Die großen Weihnachts- und Silvesterfeiern 1949 boten „beste Kapellen und namenhafte Künstler, Tanz und Stimmung an allen Festtagen, nachmittags und abends im kleinen Theatersaal, Wintergarten, Schleihallenrestaurant, Dithmarscher Pesel und Cap-Polonio-Bar bis 3 Uhr nachts.“

Ende 1949 ließ Jürgens das Erdgeschoss des Hauses Lollfuß 101, das er 1934 angekauft hat, zu einer Gaststätte (“Altdeutsche Bierstuben”) umbauen, dabei wird auch die Fassade verändert. Für die im Haus Nr.103 im ersten Stockwerk neu eingerichtete Bar wurde Jürgens im August 49 die Schankerlaubnis erteilt. Einige Jahre darauf erhalten die Bierstuben den Namen „Dithmarscher Pesel“.

 

Ab dem 1.Januar 1950 traten diese Musiker und Künstler in der Schleihalle auf: „Die Blue Five in ihrer berühmten Musikschau: Gesang, Stimmung und Humor (bekannt von allen Sendern u. ersten Häusern des Konstinents), Ritschka: Shirley Temple-Parodie, Renata: Spitzenstepp in Vollendung, Até: Ein Exentriker und alles lacht, Renata-Sisters: Kombinations-Akt, unübertreffliche Schleuderakrobatik. Zum Tanz spielen die Blue Five, Wino Olimpi und Helmut Less mit ihren Solisten.“

Anfang 1950 teilt Jürgens der Stadt mit, dass die Geschäftslage besonders schlecht sei und er nur teilweise seine Gewerbesteuer bezahlen könne. Seine Steuerückstände für die Schleihalle und die Theatergaststätten betrugen im Februar 50 rund 2700 DM, bis zum Juli stiegen die Rückstände auf ca. 4500 DM an. Das Steueramt versuchte laufend, von dem Geschäftsmann Abzahlungen einzuziehen.

Im Februar 51 betragen seine Steuerschulden über 5100 DM. Der Magistrat spricht daraufhin die Empfehlung aus, von Zwangsmaßnahmen gegen den Unternehmer abzusehen und dass Jürgens persönlich mit dem Bürgermeister Lorenzen über seine Außenstände verhandelt. Jürgens gab dem Bürgermeister zu verstehen, dass er unmöglich mehr als 500,- DM im Monat abbezahlen könnte.

 

Anfang April 52 erweiterte Jürgens seine Unternehmung um gleich zwei Geschäfte. Im Erdgeschoss der Passage des Neubaus von Körner/Werner Stadtwegs 23/25 richtete er neben einem “Expressbüfett” (Imbiss-Stube) auch eine Wein- und Spirituosenhandlung mit Probierstube ein. Zudem richtete er in seinen Theatergaststätten in einem zur Straße liegendem Raum die “Künstlerklause” ein.

An Einfällen, wie er möglichst preiswert Ware für seine Betriebe einkaufen kann, hat es Jürgens nicht gemangelt. Im Mai 52 beantragt er die Erteilung der Genehmigung zur “Herstellung von Spirituosen und Großhandel mit Wein und Spirituosen.” Unmittelbar darauf zog er den Antrag für die Alkoholherstellung wider zurück, der Zulassungsausschuss beim Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des Landes Schleswig-Holstein lehnte Ende Mai seinen Antrag auf Großhandel mit Spirituosen ab. Der Ausschuss vermutete, das Jürgens den Antrag nur gestellt hatte, um die Spirituosen für seine Gaststätten zu Großhandelspreisen beziehen zu können. Zudem würde Jürgens die fachliche Eignung, die für das Führen eines Großhandels nötig sei, fehlen.

Johann Jürgens ließ sich von diesen Rückschlägen nicht abhalten, weiter zu expandieren. Um einen ähnlichen Betrieb die Gaststätte mit Variete´in Itzehoe  aufzubauen, erwarb er im Oktober 52 ein Grundstück (Hotel Büsumer Hof) in Büsum.  Nach dem Umbau des Hauses eröffnete Jürgens am 03.Juni 53 die „Nordseehalle Büsum“.

Konzessionszeichnung Erdgeschoss 1949
Konzessionszeichnung Erdgeschoss 1949

Konzessionszeichnung Wintergarten 1949
Konzessionszeichnung Wintergarten 1949

Die Schleihalle um 1955
Die Schleihalle um 1955

Die Schleihalle um 1955
Die Schleihalle um 1955

 


5.1 Betriebsprüfung Juni 1953

Seine einzelnen Teilbetriebe fasste er zur Firma “Gaststättenbetriebe Johann Jürgens” zusammen. In der Zeit vom 27.Mai bis 29.Mai, am 1., 2. und 8.Juni 1953 fand eine Betriebsprüfung der Gaststättenbetrieb statt.  Die Prüfung fand aufgrund eines Steuerermittlungs- und Steueraufsichtsverfahren statt, den Prüfungsauftrag erteilte das Finanzamt Schleswig am 25.November 1952. Zum Prüfungszeitpunkt umfassten den Gaststättenbetriebe Johann Jürgens folgende Unternehmungen:

1. “Schleihalle GmbH” mit Altdeutschen Bierstuben Lollfuß 101/103
2. Landwirtschaftlicher Betrieb in Idstedt (bis 1949)
3. Pferdezucht mit Rennstall (Traber)
4. Theatergaststätten Schleswig (ab 1949) mit Künstlerklause (ab 1952)
5. Weinprobierstube mit Expressbuffet, Stadtweg (ab 1952)
6. Centralgaststätten mit Variete´ in Itzehoe (ab 52)
7. Nordeehalle Büsum: Eröffnung 03.Juni 1953

 

Da die einzelnen Betriebe sich in der Praxis nicht von der „Schleihalle GmbH“ trennen ließen, wurde der GmbH auch weiterhin die steuerliche Anerkennung als GmbH versagt. Die fehlende Trennung der einzelnen Firmen wurde von den Prüfern wie folgt bemängelt: „Die Wareneinkaufsrechnungen werden griffweise teils auf den Konten der GmbH, teils auf denen der Johann Jürgens Betriebe gebucht, da die Waren gemeinsam eingekauft, zusammen gelagert und nach Bedarf für die einzelnen Teilbetriebe entnommen werden. Die Bezahlung der einzelnen Rechnungen erfolgt willkürlich teils über die Bankkonten der GmbH, teils über die Bankkonten der Einzelunternehmen. Die Buchhaltung ist bemüht gewesen, durch Umbuchungen die Beträge richtig zu erfassen, was sich auf die Dauer als nicht möglich erwiesen hat. Die Kassenbeträge werden nur buchmäßig getrennt geführt und so ist es möglich, dass der Warenbestand der GmbH per 31.12.52 einen Bestand von rd. 70000,- DM ausweist, während der Kassenbestand der Einzelunternehmen einen Minusbetrag in etwa der gleichen Höhe beträgt. Auch hier zeigt sich, dass von einer richtigen Trennung der Geschäftsvorfälle nicht die Rede sein mag.“  

 

Eine Übersicht über die Umsätze der ersten Jahre nach der Währungsreform im Juni 1948.

 

II.1948 1949 1950 1951 1952
Landwirtschaft 5025,- 3330,-
Pferde u. Einzelunternehmen 6960,- 25434,- 47975,- 36353,- 508155
Hilfsgeschäfte  140,-  23811,-  5000,-  8000,-  8000,-
Rennpreise  5800,-  4315,-  6970,-  25164,-  50704,-
Schleihalle  308561,-  480593,-  459331,-  583641,-  655101,-
Hilfsgeschäfte  950,-  3259,-  3000,-  8000,-  5000,-
Summe  327436,-  540742,-  522276,-  661158,-  1226960,-
Sektsteuer  7095,-  2326,-  2172,-  1647,-  977,-

 

Offensichtlich waren die Geschäfte mit den Pferden und die Teilnahme an Pferderennen und die dort erzielten Preise eine nicht unbedeutende Einnahmequelle. Die obigen Zahlen beruhen teilweise auf Schätzungen, da die Buchführung in Bezug auf den Rennstall ebenfalls sehr mangelhaft war. In dem Protokoll der Betriebsprüfung heißt es: „Umsatzsteuerlich nicht erfasst waren Renngewinne, die nicht als umsatzsteuerpflichtig angesehen worden sind und ein großer Teil der Hilfsgeschäfte (Verkäufe und Tauschgeschäfte von Kraftfahrzeugen und Pferden, Übertragung des Theatergaststätteninventars in die Stadt Schleswig, usw.) Hierbei mussten die Tauschgeschäfte teilweise geschätzt werden, da es nicht möglich war, bei den Kraftfahrzeugen wie bei den Pferden die Zu- und Abgänge vollständig zu rekonstruieren.“
Auch bei dem anderen Viehbestand (Arbeitspferde, Rinder, Hühner u.a.) konnte nur eine Schätzung vorgenommen werden. Im 2.Halbjahr 1948 gehörten zum Rennstall 19 Pferde, zum 31.12.1952 waren es 35 Pferde, dessen Gesamtwert mit 32570,- DM angegeben wurde.

Jürgens änderte mehrfach die Rechtsformen seine Firmen. Mit der Wirkung zum 01.Juli 1953 meldet Jürgens seine Firmen um: Die „Schleihalle GmbH“ sowie die anderen Gaststätten wurden zu den „Johann Jürgens Betriebe Schleswig, Itzehoe, Büsum“ zusammengefasst.

Die Steuerrückstände nahmen 1953 weiter zu, bis Juli 1953 summierten sich Jürgens Steuerschuleden auf rund 10200,- DM. Aber auch mit den Brauereien bekommt der Gastwirt finanzielle Probleme, so lässt er für die Sandlerbräu-Aktiongesellschaft, Kulmbach, eine Sicherungshypothek in Höhe von 20000,- DM in das Grundbuch Lollfuß 101/103 eintragen. Auch die Stadt Schleswig macht sich Sorgen um Jürgens Liquidität, so wurde der Unternehmer aufgefordert, an der Magistratssitzung am 7.Oktober 54 teilzunehmen um sich in Bezug auf seine Steuerschuld zu erklären. Jürgens konnte dieser Forderung allerdings nicht nachkommen, er versäumte seine Teilnahme an der Sitzung, da er zu diesem Zeitpunkt auf einer Reise in Paris unterwegs war.
In seiner Sitzung am 15.Oktober beschloss der Magistrat, auf Rücksicht der finanziellen Schwierigkeiten Jürgens, eine vorläufige Stundung der Steuerschulden. Allerdings verlangten den Magistrats-Mitglieder eine Sicherheit. Die Stadt hat daraufhin mit dem Gastwirt einen Sicherungsübereignungsvertrag geschlossen, mit dem Teile des Warenbestandes in den Besitz der Stadt übergingen. Dies waren 1200 Flaschen Haut Sauternes sowie 900 Flaschen Trittheimer Riesling, die im Weinkeller des Spediteur Hoffmann im Stadtweg 99 eingelagert waren. Die Flaschen hatten einen Wert  (Einkaufspreis) von insgesamt 7380,- DM.

Trotz dieser finanziellen Schieflage wurde den Gästen der Schleihalle ein volles Programm geboten. Im April startete das große Frühlingsprogramm mit den Hamburger „Fiffi Boys“ und einer neuen Attraktionskapelle, für die Maifeier engagierte Jürgens u.a. das „Trio Goldmann“.

Ende 1955 wurde die „Schleihalle GmbH“ aufgrund des Gesellschafterbeschlusses vom 24.November 55 in die Einzelfirma „Gaststättenbetriebe Johann Jürgens“ umgewandelt. Unter dieser Firma wurden diese Einzelunternehmen zusammengefasst:
– Schleihalle Schleswig, Lollfuß 103
– Wein- und Spirituosenhandel, Probier- und Imbißstube, Stadtweg 23/25
– Central-Gaststätten, Breite Straße, Itzehoe
– Cafe´und Restaurant Nordseehalle, Am Hafen, Büsum

Die „Schleihalle GmbH“ wurde zum 31.12.55 aus dem Handelsregister gelöscht.

Anfang 1956 erwarb Jürgens von der Stadt die alte Wohnungsamtsbaracke für 960,- DM. Den Kaufpreis blieb er der Stadt schuldig, wofür er die Baracke benötigte, ist nicht bekannt. Die finanziellen Probleme sprachen sich scheinbar auch unter den Gästen der Schleihalle herum, Jürgens schrieb im September 57 in einem Brief an das Steueramt: „Ich bitte weiterhin davon Abstand zu nehmen, mir wöchentlich einen Vollziehungsbeamten ins Haus zu schicken, um dadurch nicht weiter dem Gelächter meiner Gäste ausgesetzt zu sein, wenn die Beamten während meiner Abwesenheit im Lokal gesessen  und auf mich gewartet haben.“

Jürgens lässt seine Stars in den 50er Jahren aber nicht nur in seiner Schleihalle auftreten, sondern er betreibt während des Peermarktes auch ein großes Festzelt auf dem Stadtfeld. Mit entsprechenden Zeitungsannoncen lädt er seine Gäste in die Peermarktfesthalle sowie in die Schleihalle ein. Im Faschingsmonat bietet Jürgens im Januar 1956 folgendes Programm: „Pariser Nächte mit einem auserwählten Karnevalsprogramm voller Schwung, Schönheit und Temperament.“ An der Premiere des Februar-Programms wirkten mit: „Das neue Berliner Spitzenorchester „Das Delecade Sextett“ voll Rhytmus und Schwung, der Casanova von St.Pauli, die Los Rigos: eine akrobatische Schönheit in Plastik und Gold, Elf Eichler: eine Solotänzerin von großem Format, Achim Medro und Partnerin: die internationalen Tanz-Parodisten, die Sterne von Moulin-Rouge, Miß Rigos: Stepptanz in höchster Vollendung, Ib René: ein internationaler Artist, Jongleur und Kautschuk, ganz große Klasse, Der Raspa-König Achim Medro zeigt jeden Abend Raspa, Rumba, Mambo sowie Tänze um die 1900-Jahrwende. Gäste können mitmachen!“

Anzeig SN 3.September 1955
Anzeig SN 3.September 1955

SN Anzeige 1.September 1956
SN Anzeige 1.September 1956

Im Januar 1959 war der Unternehmer Jürgens wirtschaftlich so stark angeschlagen, dass er am 12.d.M. beim Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung eines Vergleichsverfahrens zur Abwendung eines Konkurses eingereicht hat. Schuld daran war aber nicht seine Schleihalle in Schleswig, sondern seine beiden gepachteten Vergnügungsstätten in Hamburg, der „Trichter“ und der „Delhi-Palace“. Das „Delhi-Palace“war ein prunkvoll eingerichtetes Nachtlokal, dessen Wände mit reinem Blattgold bedeckt „das für die Fassade eines vierstöckigen Hauses gereicht hätte“ und die Gäste mit goldenem Geschirr essen konnten.

Dieser Luxus brachte Jürgens in die finanzielle Notlage, so hat er z.B.  in den „Delhi-Palace“ über 100000,- DM investiert.  Diese Summe hat er den Konten der Schleihalle und des Wintergartens Kiel entnommen. Im Januar 59 betrugen Jürgens Steuerrückstände sowie Schulden bei auswärtigen Behörden und Kassen rund 11000,- DM. Die AOK Heide hatte bereits einen Musikautomaten mit 50 Schallplatten, der in der Schleihalle aufgestellt war, pfänden lassen.
In dem Protokoll der Magistratssitzung vom 15.Januar 1959 heißt es: „Von den Steuerrückständen der Schleihalle wird Kenntnis genommen. Die Stadtwerke sind zu benachrichtigen, dass ein Antrag auf Durchführung des Vergleichsverfahrens zur Abwendung eines Konkurses gestellt ist. Die künftigen Erlaubnisse der Stadt sind nur gegen Barzahlung auszuhändigen. Es sind jedoch keine Zwangsmaßnahmen zu ergreifen, die zu einer Schließung des Betriebes führen könnten.
Das Vergleichsverfahren wurde am 27.Februar 59 eröffnet und Jürgens trennte sich von seinen Hamburger Betrieben. Die Gläubiger sollten mit 50 bis 60% ihrer Forderungen bedient werden.Im August 1959 hat Jürgens seine Steuerschuld restlos beglichen, bereits einen Monat später hatte er erneut Steuerrückstände von über 1000,- DM gebildet.

Fast zwei Jahre nach dem drohenden Konkurs erwarb Jürgens erneut ein Grundstück um dort ein Café einzurichten. Es handelte sich um den ehemaligen Pferdelazarett-Stall am Herkulesteich, der Anfang 61 von dem Gastwirt erworben wurde. Das Gebäude wurde im Frühjahr 61 umgebaut, im Erdgeschoss wurden ein Café mit 90 Sitzplätzen und ein Clubraum mit 60 Sitzplätzen eingerichtet. Im Dachgeschoss entstanden acht Fremdenzimmer und eine kleine Wohnung. Diese Wohnung wurde von Jürgens und seiner Frau bezogen, die bis dahin in der Schleihalle lebten. Weiterhin hatte Jürgens den Plan, am Herkulesteich einen Tiergarten zu errichten. Das dafür vorgesehene Gelände hatte Jürgens von der Stadt gepachtet, mit dem Aufstellen der Ställe und Gehege hatte er gegen den Pachtvertrag verstoßen. Der Unternehmer hatte dennoch die Pläne, Affen-, Braunbären-, Waschbären-, Dachs-, und Fuchszwinger zu errichten. Dieses Vorhaben wurde ihm von der Stadt mit Hinweis auf den Pachtvertrag untersagt. Das Café wurde im Juli 1961 eröffnet und auch der bis dahin teilweise eingerichtete „Tiergarten“ stand den Besuchern zur Verfügung.

 


6. Der Niedergang 1964 – 1968

Während Jürgens versucht hat, seinen Tiergarten auszubauen, waren die Umsätze der Schleihalle rückläufig. Für das Jahr 1963 gab er, einen Gewinn von 36756,- DM mit seinen Gewerbebetrieben erwirtschaftet zu haben, ein Jahr später waren es nur noch 7781,-DM. Mittlerweile hatten sich auch verschiedene Gläubiger in das Grundbuch der Schleihalle eintragen lassen. Darunter waren u.a. die Landesbank und Girozentrale Schleswig-Holstein mit 120000,-DM für ein Darlehen und die Flensburger Brauereien mit einer Hypothek über 20000,- DM. Die Gesamtforderungen betrugen 1964 für das Grundstück Lollfuß 101/103 rund 219000,- DM und für das Grundstück Stampfmühle 5 rund ca. 90000,- DM, wobei Jürgens dort selbst mit einer Hypothek in Höhe von 16000,-DM eingetragen war.
Auch die Stadt Schleswig befürchtete, dass Jürgens seine Steuerrückstände in Höhe von fast 20000,- DM nicht begleichen werde können. Aus dem Protokoll der Magistratsversammlung vom 16 April 1964: „Es wird beschlossen, den Steuerrückstand durch Eintragung einer Zwangshypothek auf das Grundstück Café Eden zu sichern.“ Mittels eines Verwaltungszwangsverfahren ließ die Stadt im Mai 64 eine Sicherungshypothek in Höhe von rund 16600,- DM in das Grundbuch der Schleihalle eintragen.

Um seine Gläubiger bedienen zu können, hat Johann Jürgens den Entschluss gefasst, seine Schleihalle nach über 36 Jahren zu verkaufen. Mit dem Kaufvertrag vom 12.August 1964 gingen die Grundstücke Schleihalle und Café Eden mit Wirkung zum 15.September 64 in den Besitz der Hamburger Hotel- und Gaststättenbetriebsgesellschaft Schwartz & Co. über. Der Kaufpreis betrug 585000,- DM, zusätzlich zahlte der neue Eigentümer Jürgens eine Leibrente von monatlich 1300,-DM. Mit dem Kaufpreis konnte er seine Verbindlichkeiten ablösen. Jürgens blieb aber weiterhin Wirt in dem Betrieb, denn der neue Eigentümer verpachtete die Schleihalle an ihn.

Mit dem altbewährtem Varieté-Programm konnte die Schleihalle mittlerweile kaum noch Besucher anlocken. Die Zeit hatte sich geändert und damit auch der Geschmack des Publikums. In der Schleihalle wurde nun ein Tanzpalast für junge Leute, das Lido, eingerichtet. Während nachmittags im Café Tanzmusik gespielt wurde, traten abends im Lido die seinerzeit populären Beat- und Jazzgruppen auf.

Leider gibt es heute nur noch wenige Anhaltspunkte, welche Bands und „Beat Combos“ Mitte der 60er Jahre in der Schleihalle auftraten. Zum Dezemberprogramm 1964 gehörten diese Künstler: Wihiva – berühmet Luftsensation, Indianer-Fantasie am Standreck, Günter Welz – neuer internationaler Stern am Artistenhoimmel, Jodler und Sänger ganz großen Formates, Otto Dohse – das bekannte Konzert- und Stimmungsquartett.
Recht gut dokumentiert ist der Auftritt der Band „The Sherwoods“ im März 1965, bestehend aus Malcom Drew, Paul Russell, Peter Weaving, Terry Widlake, Alan George Smith und Elisabeth „Liz“ Comber. Im gleichen Jahr traten u.a. auch diese Künstler in der Schleihalle und im Lido auf: die „berühmte Schallplattensängerin“ Maid Marison, USA , der „beliebte Schlagersänger und Jodler“ Günther Wels, das Brahmsquartett, das italienische Showorchester „Cattance“ mit der Stimmungssängerin Silvana sowie Jonny Pepper und die brasilianische Showband „The Black Jets“. Auch viele britische Musiker engagierte Jürgens im Jahr 1965, darunter Robert Griffith, Geoffrey Hughes, Edward Hayes, Bernard Finch und Bernard Bungay. Aus Italien kamen diese Künstler: Anretio Amatorio, Vincenzo Berordi, Benito Dondi und Oreste Malagia.
In einer Zeitungsannonce vom April 1966 heißt es: „Wir präsentieren die große Carvello-Show. Eine Dschungel-Vision, exotisch – erotisch – erregend. In der ganzen Welt haben die Carvellos-Girls mit großem Beifall ihre Tanz-Szenen – Intermezzos vorgeführt. – Zum Tanz und zur Unterhaltung spielt: Herbert Sandkaulen mit seinen Solisten. In der Bar bringen wir ab 1 Uhr eine Striptease-Sensation – ANmut und Schönheit. Lido-Tanzpalast ab 1.April, 20 Uhr, sonntags 16 Uhr, Eingang nur Schleistraße: Gastspiel von Tommy Beshop and „The Ricochets“, eine Attraktion aus London.
Im August 1967 engagierte Jürgens die Band „Fading Colour“ (David Brecknall, Roy Davis, Steve Brown, Kevin „Kex“ Gorin) für Auftritte im Tanzpalast. Zudem traten auch diese britischen Musiker auf: Anthony Bronzon, Frederick Davies und Stuart Duncan. Die letzte große Veranstaltung der Schleihalle dürfte das Silvesterprogramm 1967 gewesen sein. Ab dem 27.Dezember gaben die „Lords of Treasury“ und die Go-Go-Girls Karen und Angela ein mehrtägiges Gastspiel.

 

Robert Griffiths
Robert Griffiths

Geoffrey Hughes
Geoffrey Hughes

Edward Hayes
Edward Hayes

Bernard Finch
Bernard Finch

Bernard Bungay
Bernard Bungay

 

 

Lido-Eingang Schleistraße (*)
Lido-Eingang Schleistraße (*)

Lido-Schild, Eingang Lollfuß
Lido-Schild, Eingang Lollfuß

Annonce SN 01.April 1965
Annonce SN 01.April 1965

"The Sherwoods" im Lido (*)
„The Sherwoods“ im Lido (*)

Schleihalle in den 60er Jahren
Schleihalle in den 60er Jahren

Schleihalle in den 60er Jahren
Schleihalle in den 60er Jahren

Mit Beginn des Jahres 1968 wurde auch das Ende der Schleihalle eingeläutet. Die Stadt Schleswig hatte ein starkes Interesse, das Eckgrundstück zu erwerben, um den Ausbau der Schleistraße in dem Abschnitt zwischen dem Lollfuß und der Gutenbergstraße zu ermöglichen. Außerdem war von der Schleistraße aus eine Abbiegespur in den Lollfuß geplant sowie eine Verbreiterung des Lollfußes in diesem Abschnitt. Für diese Straßenbaumaßnahmen benötigte die Stadt Teile des 834 qm großen Schleihallen-Grundstückes. Das nicht für den Straßenausbau verplante Restgrundstück sollte neu bebaut werden. Schon am 22.Januar beschloss der Magistrat, die Schleihalle anzukaufen, falls das Grundstück der Stadt zum Kauf angeboten werden würde. Bereits am 5.Februar 68 wurde der Kaufvertrag zwischen der Hamburger Gaststättenbetriebsgesellschaft Schwartz & Co. und der Stadt Schleswig geschlossen. Mit Wirkung zum 15.d.M. ging das Schleihallengrundstück Lollfuß 101/103 zwecks Abbruch in den Besitz der Stadt über. Der Kaufpreis betrug 550 000,- DM zuzüglich 10 000,- DM Maklergebühren. Weiterhin musste sich die Stadt verpflichten, Johann Jürgens Leibrente in Höhe von 1500,- DM mtl. zu tragen, die er bisher von der Firma Schwartz & Co. erhalten hatte. Die Stadt finanzierte den Schleihallen-Ankauf mittels einem Darlehen in Höhe von insgesamt 570 000,- DM bei der  Stadtsparkasse Schleswig. Der Zinssatz betrug 7 %, die letzte Rate zahlte die Stadt am 21.November 1983.
Johann Jürgens war mittlerweile 71 Jahre alt und lag, gesundheitlich angeschlagen, seit Anfang Februar 68 im Krankenhaus. Mit Wirkung zum 15.Februar ist der Gastwirt aus dem Pachtvertrag ausgetreten. Am 22.Juli 68 wurde die Firma „Gaststättenbetriebe Johann Jürgens“ aus dem Handelsregister gelöscht.
Ende Februar 68 zogen Johann Jürgens und seine Frau zunächst nach Brebel, im Sommer 68 erfolgte ein Umzug nach Hüsby, als letzte wirtschaftliche Unternehmung versuchte er noch mit der Zucht von Legehühnern und dem Verkauf von Hühnereiern Geld zu verdienen.

Noch 1972 hatte Jürgens Schulden, er schuldete u.a. der Stadt noch rund 1000,- DM Vergnügungssteuer. Auch seine Leibrente hatte er, soweit möglich, zur Tilgung seiner Schulden an die Flensburger Brauerei abgetreten, bei der er noch 35000,- DM Außenstände hatte.

Am 5.November 1973 verstarb Johann Jürgens im Alter von 76 Jahren in Hüsby, seine Frau Frieda wohnte bis zu ihrem Ableben am 26.August 1983 im Stadtweg.

 

Todesanzeige SN 7.11.1973
Todesanzeige SN 7.11.1973

Schleihallengrundstück Oktober 1979
Schleihallengrundstück Oktober 1979





7. Die neue Schleihalle

Volker Stoll plante in den Jahren 2007/08, auf dem Eckgrundstück Lollfuß/Schleistraße eine “neue” Schleihalle zu bauen. Dieses Projekt hatte eine Größenordnung von 21 Millionen Euro, der geplante Neubau sollte über eine Nutzfläche von 15000 qm inklusive Tiefgarage mit 150 Stellplätzen verfügen.
Der Neubau sollte sich von der Kreuzung Schleistraße/Lollfuß bis einschließlich des heutigen Skandia- Grundstückes erstrecken. Mit dem Eigentümer des ehemalige Hotels Skandia, der dänischen Minderheit SSF, hatte sich Volker Stoll schon über den Abriß des Gebäudes geeinigt.
Weiterhin hatte Volker Stoll ein Stadttor geplant, von dieser Planung hat er aber nach Protesten aus der Politik und Bevölkerung wieder Abstand genommen.
Der Neubau der Schleihalle sollte ein drei- bis viergeschossiges Gebäude werden, in dem ein Vier-Sterne-Hotel, ein Fitness-Wellness-Studio, Praxen, Wohnungen, eine überdachte Piazza, einen Saal für den SSF sowie einen weiteren Saal (Bürgersaal) enthalten.

Nachdem seit Verkündung der Neubaupläne des Architekten V. Stoll keine Baumaßnahmen an dem Eckgrundstück zu beobachten waren, erklärt der Architekt im September 2009 die Pläne für eine neue Schleihalle für gescheitert.

 

Neue Schleihalle Januar 2008
Neue Schleihalle Januar 2008

Das Grundstück im Juni 2011
Das Grundstück im Juni 2011

 



Anhang


A. Firmenübersicht


Neben der Schleihalle gehörten im Laufe der Jahrzehnte auch diese Einzelunternehmen zu Johann Friedrich Jürgens. Trotz intensiver Recherche konnten nicht alle Daten ermittelt werden.



Lfd. Nr. Bezeichnung Ort von (Eröffnung) bis (Aufgabe/Verkauf)
01 Landwirtschaft Idstedt ? 1948/49
02 Pferdezucht/Rennstall Idstedt ? ? ?
03 Gastwirtschaft „Goldener Stern“ Gotterfstraße 7, Schleswig 01.September 1927 Dezember 1935
04 Lokal „Tonhalle“ Rendsburg ? Januar 1933
05 Restaurant „Casino Wunderland“ Schiffbrücke 22, Flensburg 30.Januar 1933 31.März 1933
06 Lokal Luisenbad Schleswig 15.Mai 1937  ?
07 Theatergaststätten/Künstlerklause Lollfuß 51, Schleswig 01.April 1949/1952 30.April 1955
08 Centralgaststätten mit Varieté Breite Straße, Itzehoe 1952 ?
09 Express-Buffet, Imbiss-Stube Stadtweg 23/25, Schleswig 10.April 1952 01.Juni 1961
10 Wein- und Spirituosenhandlung Stadtweg 23/25, Schleswig 10.April 1952 01.Juni 1961
11 Gaststätte Nordseehalle Am Hafen, Büsum 03.Juni 1953  1963
12 Gaststätte Wintergarten Brunswiker Str.11a, Kiel 12.September 1956  ?
13 Ballhaus der Nationen (im Trichter) Hamburg 23.Mai 1958 Ende 1958
14 Delhi-Palace Steindamm, Hamburg ? Januar 1959
15 Cafe´ Eden Stampfmühle 5, Schleswig 06.Juli 1961 15.09.1964
16 Hühnerfarm, Legehühner Brebel, Hüsby 1967 ?

 

Anmerkungen zu Nr.1 und Nr.2

Der Rennstall war bis zur Währungsreform im Juni 1948 Teilbetrieb der Landwirtschaft. Zur Landwirtschaft gehörten 6 Arbeitspferde, 3 Hengste, 3 Stuten, 1 Ponny, 1 Fohlen sowie Rinder, Schweine, Schafe und Hühner. Nach Aufgabe der Landwirtschaft im Juni 48 wurde der Rennstall als Einzelunternehmen weitergeführt. Von 48 bis 49 war nur noch eine Restlandwirtschaft vorhanden, als Teilbetrieb des Rennstalls.

Weitere Hinweise zur Landwirtschaft und dem Rennstall habe ich von Herrn R. Gericke erhalte. Sein verstorbener Vater Willi war vom 15.August 1945 bis zum 31.Juli 1948 in der Landwirtschaft von Johann Jürgens tätig. Zudem hatte sich sich um die Rennpferde gekümmert, die gegenüber der Schleihalle, in Ställen zwischen dem Lollfuß und dem Burggraben untergebracht waren. Willi Gericke erzählte seinem Sohn ausführlich über diese Zeit, da er über ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen verfügte.
Demnach betrieb Jürgens u.a. eine Milchwirtschaft in Neuberend, dazu gehörten ein Kuhstall und etwasPachtland. Willi ist seinerzeit mit dem Fahrrad zur Schleihalle gefahren, hat sich aus dem benachbarten Pferdestall ein Pferd ausgeborgt, um zum Milchholen über die Koppeln von Gut Falkenberg nach Neuberend zu reiten. Da die Milch für seinen Eigenbedarf war, durfte Jürgens die Milchkanne nicht sehen und so musste er sie auf dem Rückweg gut verstecken.

In Hamburg hatte er Jürgens Orlow-Traber trainiert, er durfte jedoch selber keine Rennen fahren, da er nicht im Besitz der dafür notwendigen Lizenz war. An ein Pferd konnte sich Willi Gericke noch gut erinnern, die Stute „Stella Maris“ aus Jürgens Rennstall. Nachdem sie keine Rennen gewonnen hatte, verkaufte Jürgens dieses Pferd, von nun an gewann sie einige Wettkämpfe. In Schleswig hat Jürgens selber einmal an einem Trabrennen im Allee-Stadion auf der Spielkoppel teilgenommen.

In Idstedt übernahm Jürgens in den Nachkriegsjahren das Herrenmoor von der Firma Kohlen-Trödle, um dort Torf abzubauen. Tröndle hatte den Torfabbau dort aufgegeben und so stieg Jürgens in dieses Geschäft ein. Er besorgte eine kleine Feldbahn, ließ Gleise durch das Moor verlegen, um mit Loren den Torf abzutransportieren. Den abgebauten Torf ließ Jürgens u.a. nach Nordstrand transportieren, um ihn dort gegen Stroh und Weizen einzutauschen. Morgens um 4 Uhr starteten die Fuhrwerke in Schleswig, gegen 22 Uhr waren sie wieder zurück.

Aus der Chronik der Familie Gericke, verfasst von R. Gericke: „Johann Jürgens, ein echtes Schleswiger Original, bewirtschaftete außer seinem Lokal noch einige gepachtete Landwirtschaft. Auf Fürsprache … fand Vater hier sofort eine Anstellung als Landarbeiter. Es gab fast nichts, womit Johann Jürgens nicht handelte (auch schwarz). So besaß er unter anderem viele Pferde, von der Wehrmacht übernommen. So auch Traber, die auf der Rennbahn in Hamburg liefen. Vater hat hier zeitweilig die Traber trainiert, durfte aber keine Rennen fahren, weil er keine Lizenz hatte. Auch Reitturniere hat Vater für Johann Jürgens geritten, so 1946 in Husum, wovon noch heute einige erste Preise zeugen…

Oftmals hatte Mutter kein Geld, um die Zuteilung auf den Marken abzukaufen, denn Vater verdiente bei Johann Jürgens nur 137 Reichsmark plus Mittagessen monatlich. Der Schwarzhandel mit allen möglichen Sachen blühte und hatte Hochkonjunktur und so hatte Vater eine Idee. Wir besaßen damals drei geschenkte Hühner. Also tauschte Vater ein Huhn gegen ein Pfund englischen Bohnenkaffee ein, der auf irgendwelchen dunklen Wegen aus der englischen Küche des Fliegerhorstes Schleswig-See (heute Freiheit genannt), den Weg nach draußen gefunden hatte. Mit dem Kaffee ging er zu Frau Jürgens, Schleihalle. Sie war hoch erfreut, denn es war zufällig der beste englische Kaffee in der grünen Dose. Sie bezahlte Vater 400 Reichsmark dafür, ein guter Handel. Jetzt hatte Mutter Geld, um die Lebensmittelmarken abzukaufen.“

Willi Gericke wurde kurz nach der Währungsreform (20.Juni 1948) entlassen, da „Johann Jürgens mit dem Tag der Währungsreform zahlungsunfähig wurde.“

 

Anmerkungen zu Nr.7

Der Pachtvertrag für die Theatergaststätten belief sich auf 10 Jahre. Die Herrichtung der Künstlerklause kostete 5000,- DM.

 

Anmerkungen zu Nr.8

Der Betrieb in Itzehoe wurde gepachtet von der Firma Plath und Timmann für eine Pachtsumme von 11000,- DM jährlich zuzüglich Hausunkosten. Der Umbau zu einer Gaststätte mit Variete´ und einer Imbiss-Stube kostete 40000,-. DM, die Kosten für die Einrichtung beliefen sich auf 30000,.- DM. Die Pachtdauer betrug 10 Jahre. Da der Vertrag mit dem Vorpächter noch nicht abgelaufen war, wurde dieser mit 15000,- DM abgefunden.

 

Anmerkungen zu Nr.9 und Nr.10

Das Expressbuffet sowie die Spirituosenhandlung wurden in einem 40 qm großen Laden im Erdgeschoss Stadtweg 23/25 eingerichtet. Die Herrichtungskosten betrugen 7500,- DM, die Pachtdauer 10 Jahre. Laut einer Annonce in den Schleswiger Nachrichten vom 1.Dezember 1956 hatte Jürgens die bisherige Wein- und Probierstube geschlossen und unter dem Namen „Old Stadt Bodega“ eine neue Wein- und Trinkstube eröffnet. Am 19.Dezember 1960 erschien in den Schleswiger Nachrichten eine Anzeige, dass Jürgens im Stadtweg 23/25 eine Brathähnchen-Küche eröffnet hat.

 

Anzeige SN 1.Dezember 1956
Anzeige SN 1.Dezember 1956

Anzeige SN 19.Dezember 1960
Anzeige SN 19.Dezember 1960

 

 

Anmerkungen zu Nr.11

Im Oktober 52 kaufte Jürgens das Hotel „Büsumer Hof“ für 69500,- DM. Er leistete eine Anzahlung in Höhe von 10000,- DM. Die folgenden 10 Jahre sollte die Abzahlung mit monatlich 400,- DM, danach mit monatlich 200,- DM erfolgen. Umbau zur Nordseehalle, Eröffnung am 03.Juni 53.

 

Anmerkungen zu Nr.12

In den Kieler Nachrichten erschien in der Augabe vom 8./9.September 1956 folgende Anzeige: „Habe in Kiel die Gaststätte „Wintergarten“, früher „Kulmbacher“, Brunswiker Str. 11a, Haupteingang Lorentzendamm, übernommen und beabsichtige, daselbst ein neuzeitlich schönes Konzert- und Tanzcafe´mit künstlerischen Einlagen zu eröffnen. Unter dem Namen „Konzert- und Tanzcafé Wintergarten“, Eröffnungsfeier am Mittwoch, 12.September 1956 um 20.00 Uhr. Zur Eröffnung gastieren international klassische Künstler u.a. Conférencier Fritz Hiddesen, Deutschlands bester Karikaturist, Maler und Brett´l-Dichter, Betty Reade, eine californische Cowboy- und Spitzentänzerin, Hein Riess, der beliebte Sänger von der Waterkant – bekannt von Bühne, Funk und Schallplatte, Alfredo & Ollyana, eine Höchstleistung der Jonglierkunst mit gläsernen Kugeln, Yvonne van der Gracht, Christianis Hunde – die größte Hunderevue der Gegenwart, 2 Wendanys, moderne klassische Akrobatik und die italienische Attraktionskapelle Bonasera.
In Verbindung mit meinen anderen Geschäften „Schleihalle“, Schleswig, „Nordseehalle“, Büsum und „Centralgaststätten“, Itzehoe, sowie meinen langjährigen Erfahrungen, hoffe ich, auch weiterhin in der Lage zu sein, stets erstklassige Kapellen und Künstler für mein Haus in Kiel zu verpflichten. Ebenfalls werde ich bemüht sein, stets beste Speisen und Getränke meinen Gästen zu verabreichen, zu soliden Preisen – keine Barpreise.“

 

Anmerkungen zu Nr.15

Neben den nicht genehmigten Ställen und Gehegen ließ Jürgens in seinem „Tiergarten“ auch zwei Karussells und eine Schiffsschaukel aufstellen. Auch für den Betrieb dieser Fahrgeschäfte fehlte Jürgens die Genehmigung. Über die Eröffnung im Juli 61 veröffentlichten die Schleswiger Nachrichten einen überschwänglich positiven Bericht. Demnach verfügte der Tierpark zu diesem Zeitpunkt über „200 Gefiederte verschiedener Art“ und „neue Affenhäuser.“ Da die Tierhaltung nicht den Bestimmungen entsprach, ordneten die Behörden im Oktober 63 die Schließung des Tierparks an. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits einige Tiere verkauft.
Im August 64 musste Jürgens sein Café Eden verkaufen, neuer Eigentümer wurde die Hotel- und Gaststättenbetriebsgesellschaft Schwartz & Co. Neuer Pächter wurde N. Margan, im Laufe der Zeit wurde auch der Name des Betriebes geändert, so wurde aus „Café Eden“ der „Eden Saloon“ (67) , danach „Hotel Eden“. Anfang der 90er Jahre wurde das Haus von der Norddeutschen Gesellschaft für Diakonie umgebaut zur Unterbringung von Behinderten, das Haus wurde zum „Wohnheim Schleswig, Außenstelle Stampfmühle“.
Für das Anlegen des Parkplatzes vor Café Eden lwurde Bauschutt der am 4.Februar 61 eingestürzten Riesberg-Brücke verwendet.

Anzeige SN 5.Juli 1961
Anzeige SN 5.Juli 1961

Der Tiergarten mit Karussells am Herkulesteich.
Der Tiergarten mit Karussells am Herkulesteich.

Café Eden mit Tiergarten, Ostseite
Café Eden mit Tiergarten, Ostseite

Café Eden Westseite 1964
Café Eden Westseite 1964


B. Nachruf

Im Schleswiger Monatsheft vom April 1968 erschien dieser „Nachruf ohne Widerhall“:

„…Niemand hatte, außer Sachverständigen und Interessenten, je daran gedacht, dass unsere „Schleihalle“ plötzlich abgebrochen werden soll. Vor Jahren hatten wir sie letztmalig besucht und da waren uns schon viel zu viel junge Leute da. Mit den nümodischen Tänzen kam man auch nur zurecht, wenn man ein paar Grogs weg hatte und in ausgelassener Gesellschaft war. „Is nich mehr viel los“, hieß es allgemein, „meistens Remmi-Demmi!“

Von Kopenhagen bis Hamburg und noch weiter südlich braucht man allerdings nur „Schleswig“ zu sagen, dann folgt oft die erinnerungsbeschwingte Frage: „Schleihalle! Wie gehts denn der Schleihalle?“ Bald wissen wir keine nette Antwort mehr. Das tut uns leid und macht uns sentimental. Kürzlich fuhren bereist große Lastwagen vor und luden die gestapelten Stühle und Tische ein. Am Portal zum Lollfuß hin sind Handwerker beschäftigt.

Sie sind schon mitten im Ausschlachten. Ein bisschen mehr Familiengeist hätten wir eigentlich beweisen müssen. Nicht mit einer Sammlung zur Rettung der Schleihalle. Ihr Schicksal war zeitbedingt und wohl unabwendbar. Aber einen letzten großen Gala-Abschiedsabend hätten wir auf die Beine stellen sollen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Noch einmal das Tanzbein schwingen, wo wir einst so fröhlich waren. Das hätte alle befriedigt, die jetzt traurig sind.

Gruß und Dank gilt unserem „Johann“ und seiner treuen Frau. Er hatte immer prachtvolle Ideen. Ihre Verwirklichung stand zuweilen auf wackeligen Füßen. Oft hat er sich übernommen, doch nie unterkriegen lassen. Und lustig konnte er sein! Wenn es hoch herging, tanzte er manchmal auch mit, auf Strumpfsocken, jawohl, denn die Schuhe kniffen. Einmal war große Hauerei draußen vor der Tür. Da erschien er vor dem Fenster im 1. Stock mit nackter, haariger Brust: „Wöt ji wull opholn, ji Banausen“ donnerte er über die Straße, „bi uns givvt dat sowat nich!“ Das wirkte.

Lauer Sommerabend, Möwenkreischen, Schleigeplätscher, heimkehrende Boote und die erleuchtete Schleihalle, das gehörte immer irgendwie zusammen. Gedämpfte Musik klang aus den niedrigen Räumen und Großstadtatmosphäre strahlte aus den breiten Fenstern rundherum. Zum ersten Ausgang in die Große Welt begleiteten Schleswigs Eltern ihre Kinder dorthin. Bekannte Orchester, berühmmte Künstler, Artisten von Weltklasse traten hier auf. Später sahen wir sie oft im Fernsehen wieder und zeigten stolz: „Die waren auch mal bei uns in der Schleihalle.“ Nicht zuletzt das Fernsehen hatte beim endgültigen Niedergang seine Finger dazwischen.

Bald geht es uns mit der Schleihalle wie mit dem alten Gasbehälter. Sie ist plötzlich nicht mehr da. Das Auge gewöhnt sich daran. Oder es wird so sein wie mit dem Spiegel am Stadtweg. In einer Säule von Betten-Holm befand sich lange ein eingelassener Spiegel. Nun ist er fort. Immer noch blickt man beim Vorbeigehen hinein. Da war doch mal ein Spiegel? – Da war doch mal die Schleihalle?“



C. Die Schleihallen-Gesellschaft

Im Jahr 1959 veröffentlichte die Schleigesellschaft eine Schrift über ihre Geschichte und Satzung, verfasst von Wendelin von Sperber. An dieser Stelle habe ich die Gründungsgeschichte unverändert aus dieser Veröffentlichung übernommen:

„Nach dem deutsch-dänischen Krieg im Jahre 1864 kamen Land und Stadt Schleswig unter die Verwaltung zunächst der Norddeutschen Bundes, später Preußens. Schleswig wurde zum Sitz einer preußischen Regierung und einer Garnison.
Unter den zahlreichen, aus allen Teilen des Deutschen Reiches oftmals nur für kürzere Zeit nach Schleswig versetzten Herren der Regierung, der Garnison und der ebenfalls in diesen Jahren entwickelten Landeskrankenanstalten machte sich das Bedürfnis nach einem schnellen, gründlichen und im gegebenen Falle leicht wieder lösbaren geselligen und gesellschaftlichen Zusammenschluß bemerkbar.
Dieses verständliche Bedürfnis konnte seitens der alteingesessenen Bürgerschaft der Stadt Schleswig mit ihren auf sehr viel längere Zeiträume abgestellten Lebensgewohnheiten nicht voll befriedigt werden. Daher kam es sehr bald zu einem losen Zusammenschluß der z.T. noch ohne Familien nach Schleswig versetzten Herren in Form eines gemeinsamen Mittagstisches. Er ist in Schriftstücken aus der damaligen Zeit von einer „Regierungsgesellschaft“ die Rede, und damit ist offenbar dieser gemeinsame Mittagstisch gemeint, aus em aber erst nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 die im Jahre 1875 erstmalig erwähnte „Bürgerressource“ entstand, die sich darum bemühte, den genannten Personenkreis auch nach dem Dienst zu gemeinsamen Spielabenden oder zu gelegentlichen feierlichen Anlässen zusammenzuführen. Aus dieser Entwicklung ist es zu erklären, dass die Schleigesellschaft als reine Herrengesellschaft gegründet worden ist und bis auf den heutigen Tag geblieben ist.

Mit zunehmender Festigung tauchte in den 1880er Jahren der Wunsch nach einmen Clubraum auf, der nach mehreren ergebnislosen Versuchen durch den Einsatz des späteren Staatssekretärs v. Bischoffshausen am 15. Mai 1892 zu einem Vertrag zwischen der Bürgerressource und der Stadt Schleswig führte.  Die Stadt Schleswig vermietete der Ressource das Gebäude der heutigen Schleihalle auf die Dauer von 10 Jahren für einen jährlichen Mietpreis von 2000 M und stellte eine Summe von 20 000 M zum Aus- und Umbau der Schleihalle zur Verfügung. Der Um- und Ausbau, der 17 770 M erforderte, wurde nach seiner Fertigstellung durch eine im oberen Kneipsaal ausgeführte Paneelierung mit fest eingebauten Holzbänken und Sofas, sowie einer Holzdecke zum Preis von 3435 M vervollständigt. Die Schleiressource änderte nach Übernahme der Räumlichkeiten ihren Namen in „Schleihallen-Ressource“.

Auf ein Gesuch der Schleihallenressource vom 30. April 1899 gewährte die Stadt Schleswig ihr ein weiteres Darlehen von 5000 M für den Bau einer geschlossenen Veranda, sowie zur Verschalung der Dachkammern der Diener und zur Verbesserung der sanitären Einrichtungen. Dafür wurde der jährliche Mietpreis von 2000 M auf 2300 M erhöht. Durch einen Vertrag mit der Stadt vom 1. Mai 1903 ist der Mietvertrag um 10 Jahre verlängert worden (Mietpreis 2340 M), er ist jedoch am 1.10.1909 vorzeitig ausgelaufen, weil die Stadt das Gebäude der Schleihalle am 30.9.1909 an den meistbietenden Privatier Paul Friedrich Müller aus Tarp für 40 000 M verkauft hatte. Von diesem hat die Schleihallenressource, die nach Errichtung einer Satzung am 28. Mai 1904 unter Nr.27 in das Vereinsregister des Amtsgerichts Schleswig unter dem veränderten Namen „Schleihallengesellschaft“ eingetragen worden ist, die oberen Räume der Schleihalle mit Einrichtung zum weiteren Gebrauch gemietet (Miete 1000 M jährlich).
In den Friedensjahren unter Kaiser Wilhelm II. erlebte die Schleihallengesellschaft eine später nie wieder erreichte Glanzzeit. Es fanden zahlreiche Bälle und festliche Essen statt, die mit Frack, Galauniform und feierlicher Garderobe, blitzenden Orden und geistvollen Reden ein Erlebnis für die Teilnehmer waren. Auch sonst konnte man immer einige oder zahlreiche Mitglieder in den Räumen der Gesellschaft antreffen, sei es im Lesezimmer mit gestrengem Redeverbot beim Studium der politischen Ereignisse in den zahlreich ausliegenden Zeitungen, sei es im Gespräch bei einer guten Flasche Weines aus der eigenen Kellerei, oder beim Kartenspiel. Die Umsätze beim Bridge, Whist und L´hombre oder auch schnelleren Spielen sollen manchmal beachtliche Höhen erreicht haben, und die beiden Diener sorgten dafür, dass die Gläser nicht leer blieben.
Der Schleihallengesellschaft anzugehören war damals der Schlüssel zur gesellschaftlichen Anerkennung und in der Schleihalle getanzt zu haben, bedeutete auch für die jungen Damen, die dort in das gesellschaftliche Leben eingeführt wurden, ein erstrebenswertes Ziel. Mit dem Ausbruch der ersten Weltkrieges  versanken, wie so viele andere, auch die großen Tage der Schleihallengesellschaft im Wirbel der Zeiten.“

In den Kriegsjahren 1914-1918 kamen die Aktivitäten der Gesellschaft fast zum erliegen, dadurch bedingt, dass die Mehrzahl der zahlenden Mitglieder zum Kriegsdienst einberufen war. Der Krieg bedeutete fast das Ende der Gesellschaft, im November 1918 hatte der Vorstand einen Antrag auf Auflösung gestellt. Es wurde jedoch beschlossen, den Auflösungsbeschluss vorläufig auszusetzen und die Entwicklung abzuwarten.
Kurzzeitig mietete der „Deutsche Offiziersbund“ die Räumlichkeiten der Gesellschaft zur Mitbenutzung an. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation und Inflation wurde nun die Absicht bekundet, die Schleihallengesellschaft mit der seit vielen Jahren in Schleswig bestehenden „Museums-Gesellschaft“ zu vereinen. Diese Gesellschaft bestand überwiegend aus ortsansässigen Fabrikanten und Geschäftsleuten. Es gab verschiedene Modelle, nach denen die Gesellschaften vereint werden hätten können, eine Einigung wurde jedoch nicht erzielt.

Nachdem der Gastwirt Ernst Möller die Schleihalle im November 1919 übernommen hatte, kam es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen dem Wirt und der Gesellschaft. Ende 1927 musste die Gesellschaft ihre Räumlichkeiten in der Schleihalle aufgeben, nachdem Möller erneut den Mietvertrag gekündigt hatte. Nachdem die Schleihalle im Juni 1928 von Johann Jürgens erworben wurde, die restlichen Besitztümer der Gesellschaft in den Besitz von Jürgens übergegangen sind, kam es zur endgültigen Trennung zwischen der Schleihalle und der Gesellschaft. Im Mai 1937 änderte sie ihren Namen in „Schleigesellschaft“ und brachte damit zum Ausdruck, „dass sie zu der inzwischen zu einem Tanzkabarett und Varieté umgestalteten Schleihalle keine innere Beziehung mehr habe.“

Über die Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten schreibt v. Sperber:
„Auch nach der Lösung von der Schleihalle hat die Schleigesellschaft noch schwierige Zeiten durchgemacht. Über einen im Jahre 1934 von den damaligen politischen Machthabern unternommenen Auflösungsversuch berichtet der damalige Vorsitzende Amtsgerichtsrat Hamkens wie folgt:
Nachdem etwa 2 Wochen vorher der Vermessungsobersekretär am Kulturamt hier, Weber, als Kreisleiter der Beamtenschaft der NSDAP mich aufgesucht hatte, um Näheres über Zweck und Zusammensetzung unserer Gesellschaft zu erfahren, erschien er nach vorheriger Anmeldung am Freitag, dem 16. d. M., und wieder, und zwar in Begleitung des kommissarischen Kreisleiters Kolbe und eines weiteren uniformierten Herren, der mir als Stellvertreter des Brigadeführers der SA, Standartenführer Todt, vorgestellt wurde.
Die Erschienenen nahmen Bezug auf unsere Anzeige in den Schleswiger Nachrichten vom 14. 3. 1934 über die Tagesordnung der heutigen Versammlung und den Vermerk über das anschließende Essen. Die Tatsache, dass in der heutigen Notzeit eine Gesellschaft ein ´Herrenessen´ veranstaltete, habe in der Bevölkerung starke Erregung hervorgerufen. Die Durchführung der Versammlung würde die Erregung auf das Äußerste steigern und womöglich zu Ausschreitungen führen. Für einen ungestörten Verlauf könnten sie keine Gewähr übernehmen. Sie untersagten daher die Abhaltung der Versammlung und würden auch dafür sorgen, dass die Gesellschaft aufgelöst würde, wenn sie es nicht vorzöge, sich selber freiwillig aufzulösen. Ihr Dasein sei nicht vereinbar mit einer wahren Volksgemeinschaft. Der Obersekretär Weber, der hauptsächlich das Wort führte und in immer ernsterem Ton sprach, wandte sich besonders gegen die vermutete Einstellung der höheren Beamten der Regierung in politischer Beziehung und verstieg sich schließlich zu der Bemerkung:

´Wenn der rote Kasten dort (das Regierungsgebäude) heute zusammenbricht, sind wir morgen um keinen Nationalsozialisten ärmer!´

Dann fügte er hinzu, wie sie in Wahrheit gesinnt seien, könne man schon an ihrer gegenseitigen Begrüßung sehen, bei der sie oft nicht die rechte Hand erhöben. Der Kreisleiter Kolbe unterstützte, gleichfalls in erregtem Ton, diese Erklärungen. Meine Versuche, durch Hinweis auf das Bedürfnis nach einer gewissen Geselligkeit am dritten Ort, nachdem häusliche Geselligkeit den meisten Mitgliedern aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich geworden sei, und durch das Zugeständnis, dass der Ausdruck ´Herrenessen´ in der Anzeige besser unterblieben wäre, aber doch nichts anderes hätte besagen wollen, als dass für den männlichen Teil der Mitglieder ein Essen vorgesehen sei, und meine Mitteilung über den geringen Umfang und die bescheidenen Formen, in denen die Veranstaltungen stattfänden, waren vergeblich. Alle Verkehrsbedürfnisse könne man an den Abenden der Beamtenfachschaft befriedigen.
Meine Frage,welche Amtsstelle es sei, die das Verbot der Vesammlung ausspreche, erwidere Herr Kolbe mit der Erklärung, dass er als Kreisleiter das tue. Er habe die politischen Angelegenheiten zu verwalten. Die reichlich halbstündige Versammlung endete mit der Vereinbarung, dass ich unverzüglich den Vorstand einberufe und seine Entschließung dem Standartenführer Todt, der übrigens während der ganzen Versammlung ein ruhiges, gemessenes Verhalten beobachtete, am nächsten Tag fernmündlich mitteilte.

Der sofort einberufene Vorstand fasste den Beschluss, über die Angelegenheit an den Herrn Oberpräsidenten zu berichten. Nachdem jedoch der damalige Oberpräsident der Provimz Schleswig-Holstein, Gauleiter Lohse, keine Bedenken gegen das Weiterbestehen der Schleigesellschaft geäußert hatte, kam es lediglich zu einer unwesentlichen Satzungsänderung durch Beschluss der Mitgliederversammlung vom 24.03.1934.“

Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges unternahmen die Mitglieder regelmäßig Spaziergänge, Dampfer- und Busfahrten, die Mitgliederzahl belief sich auf etwa 60. Mit Beginn des Krieges sank die Mitgliederzahl drastisch, ab 1941 ruhte das Gesellschaftsleben. Nach der Währungsreform vom 20.Juni 1948 begann langsam wieder ein Neuanfang der Gesellschaft. Mit dem Aufbau des Landessozialgerichtes und des Sozialgerichtes sowie dem Einzug der Bundeswehr in Schleswig konnte die Schleigesellschaft Mitte der 50er Jahre auch neue Mitglieder gewinnen. Im Jahre 1975 konnte die Schleigesellschaft ihr 100jähriges Jubiläum feiern.

 


D. Quellennachweis

Johannes von Schröder – Geschichte und Beschreibung der Stadt Schleswig, 1827

Heinrich Philippsen – Alt-Schleswig, Beiträge zur Geschichte der Stadt Schleswig (topographischer Teil), 1923

Theo Christiansen – Johann Friedrich Jürgens, seine Schleihalle und andere Unternehmungen, Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 43/1998 (Dieser Aufsatz enthält zum Teil falsche Angaben)

Reinhard Gericke – Eine Brandenburgisch-Schleswig-Holsteinische Geschichte, sdv

Wendelin von Sperber – Geschichte und Satzung der Schleigesellschaft, 1959

Schleswiger Monatsheft 04/1968

Gemeinschaftsarchiv Stadt Schleswig und Kreis Schleswig-Flensburg:

10, 0568 – Wirtschaft des Friedrich Gerhardt (u.a.), Lollfuß 103 (Schleihalle, 2 Bände)
10, 0857 – Gastwirtschaft Lollfuß 103 „Schleihalle“
10, 0858 – Veranstaltung von Singspielen (Lollfuß 103) „Schleihalle, Johann Jürgens
15, 0440 – Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung nach der Ausländerpolizeiverordnung: Finnen(…)
17, 1376 – Abbruch eines Restaurationsbetriebes (Schleihalle): Lollfuss 101
17, 1379 – Abbruch der Gebäude (Die Schleihalle): Lollfuss 103 (s. auch Nr. 1376
18, 0317 – Vergnügungssteuer für den Gastwirt Johann Jürgens (Schleihalle, Lollfuß 103)
18, 0320 – Vergnügungssteuer für Werner Bull (Schiessanlage) in der Schleihalle(…)
18, 0481 – Darlehen für Müllwagen, Strassenbaumassnahmen, Ausbau der Kanalisation(…)
18, 0606 – Gewerbesteuerveranlagung der Schleihalle-GmbH (Johann und Frieda Jürgens), Lollf(…)

Schleswiger Nachrichten 27.06.1928, 05.04.1929,  07.07.1930, 12.01.1933, 20.11.1934, 11.11.1935, 02.12.1935, 02.05.1936, 19.12.1936, 28.08.1937, 01.10.1937, 24.06.1953, 23.07.1954, 28.07.1954, 03.09.1955, 10.01.1956,  01.09.1956, 01.12.1956, 22.05.1958, 16.01.1959, 19.01.1959, 21.01.1959, 27.02.1959, 19.12.1960, 19.05.1961,  05.07.1961, 01.04.1965, 06.02.1968, 15.02.1968, 16.02.1968, 04.05.1968, 07.11.1973, 08.10.1997, 13.12.2007,  22.10.2009

Kieler neueste Nachrichten 08.10.1937

Kieler Nachrichten 08./09.09.1956

Eine Umfangreiche Bildersammlung von der Schleihalle ist auf der Internetseite von Gerd Tams zu finden, die in diesem Bericht mit (*) gekennzeichneten Bilder wurden dieser Sammlung mit Genehmigung von Gerd Tams entnommen.

Ein Bericht über den Auftritt der „Sherwoods“ in der Schleihalle ist an dieser Stelle im virtuellen Klassentreffen von Gerd Tams zu finden.


Letzte Bearbeitung: 17.März 2013

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