Der Schleswiger Personennahverkehr läßt sich in vier Zeitabschnitte einteilen.
Der erste ist die Zeit der Postkutschen von etwa 1845 bis 1890, gefolgt von der Schleswiger Pferdebahn
1890 bis 1910. Die Pferdebahn wurde ersetzt durch die Elektrische Straßenbahn in den Jahren 1910 bis 1936.
Ab 1936 übernahmen Stadtbusse die Personenbeförderung.
Den Anfang des Personennahverkehrs in Schleswig machte die bekannte Madame Esselbach, um die Gäste ihres
Hotels Stadt Hamburg zu befördern.
Im Jahre 1845 hat sie auf dem Grundstück des Hotels eine Posthalterei eingerichtet. Die Pferdekutschen
brachten ihre Gäste in andere Teile der Stadt, wie z.B. nach Friedrichsberg.
Der Wagenpark von Doris Esselbach hinter dem Hotel Stadt Hamburg.
Links mit Schürze Frau Esselbach, rechts das Personal.
In der Mitte das noch heute vorhandene Zollhaus.
Am 5. Juli 1890 wurde der fahrplanmäßige Betrieb der Schleswiger Pferdebahn mit 28 Pferden aufgenommen.
Es gab 2 Typen von Wagen, drei einspännige mit Platz für jeweils etwa 20 Personen und ab 1892 zusätzlich
einen zweispännigen, der nur eingesetzt wurde, wenn vom Staatsbahnhof ein Zug abging.
Die Streckenführung, insgesamt eine Länge von 4,3 Km, verlief vom Rathausmarkt, Hunnenstraße, Lange Straße, Mönchenbrückstraße,
Stadtweg, Lollfuß, Gottorfdamm, Gottorfstraße, Friedrichstraße zur Bugenhagenschule (dem damaligen Standort der Taubstummenschule.)
Die Strecke war im gesamten Stadtgebiet eingleisig.
Damit der Gegenverkehr passieren konnte, gab es vier Pferdebahnweichen, in Friedrichsberg
in der Nähe des Textilhauses Muhl, vor dem Hotel "Zum Goldenen Stern" in der Gottorfstraße, bei der Lollfußapotheke
sowie bei Raven´s Hotel im Stadtweg.
Am 20. Januar 1892 kam eine neue Strecke hinzu, sie führte bis zum Bahnhof. Auf dieser Linie wurde der zweispännige Wagen mit
einem 5. Rad, dem Leitrad, eingesetzt. In der Nähe des Friedrichsberger Kinos hob der Kutscher das Leitrad hoch,
führte die Pferde und Wagen über das Kopfsteinpflaster in die Bahnhofstraße, setzte das Leitrad wieder in die neue
Schiene ab und die Bahn fuhr weiter.
Einspänniger Wagen
Der Fahrpreis betrug einen Groschen pro Person. Der Fahrgast legte das Geld auf eine Blechplatte, die auf einem
Blechkasten montiert war. Anschließend drückte er eine Klingel zum Zeichen seiner Pflichterfüllung. Der Fahrer
überprüfte vor der Abfahrt, ob die Anzahl der Groschen mit derjenigen der Fahrgäste übereinstimmte.
Fehlte ein Groschen, wurde jeder Fahrgast noch einmal gefragt, ob er den wirklich bezahlt habe.
Die Blechplatte mit dem Fahrgeld wurde anschließend zurückgezogen und die Groschen vielen in den Blechkasten.
Nicht nur Personen wurden mit der Pferdebahn befördert, sondern auch Stückgut. So konnte die z.B. die Firma Baars & Clasen
(G. & G. Ihms) ein Kleid in den Lollfuß 71 befördern lassen. Im Lollfuß hielt die Bahn vor Nummer 71 und die
Fahrgäste hatten geduldig zu warten, bis das Paket zugestellt war. Das Frachtgeld für diesen Zustelldienst hat sich
nach der Größe des Paketes gerichtet - ein kleines Paket, das Platz für eine Person in Anspruch nahm, kostete einen
Groschen; ein größeres, das den Platz von drei Personen einnahm kostete 3 Groschen.
Die Pferdebahn im Lollfuß
Die Pferdebahn im Lollfuß vor dem Theater
Damit die Pferde auf dem Pflaster nicht ausrutschten, wurde jeden Sonntagmorgen ein 50 cm breiter Streifen roten Sandes
zwischen die Schienen gestreut.
Nach einer Polizeiverordnung aus dem Jahr 1867 mußten angehende Pferdebahnführer einen Nachweis erbringen, daß sie des
Fahrens und den Umgang mit Pferden mächtig seien. Sie erhielten dann den "Fahrschein", dem heutigen Führerschein ähnlich.
Die Schaffner hatten eine Dienstbekleidung zu tragen, bestehend aus Dienstrock, Überrock und Dienstbeinkleider. Außerdem
mußte an seiner Mütze eine Nummer angebracht sein.
War ein Wagen vollbesetzt, mußte der Schaffner vorne am Wagen eine Fahne aufstecken. Damit war eine ungehinderte Weiterfahrt
an Haltestellen vorbei möglich.
Der Wagenpark
Vor der Halle auf dem Rathausmarkt
Der Gallberg (ehem. Pferdemarkt).
Die Bahn fährt aus der Mönchenbrückstraße (links)
am alten Pferdemarkt (Gallberg) vorbei in
Richtung Rathausmarkt
Eine Pferdebahn, die im 1926 den Betrieb eingestellt hat und im Jahr 2007 wieder eröffnet wurde, ist in Döbeln zu finden.
Quellen : Heft Schleswig Aug./Sept. 1958, Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 11/1966, 19/1974,
Schleswig von Wilhelm Dreesen 1894
In den Beiträgen zur Schleswiger Stadtgeschichte 37/1992 ist die Pferdebahn von
Kirsten Franzen ausführlich beschrieben