Müller-Wipperfürth





Ein neuer Lichtfleck belebt den Stadtweg. Die bekannte Textilfirma Alfons Müller-Wipperfürth öffnete im Oktober die Pforten einer neuen Filiale. Am Stadtweg 24 gab es lange einen toten Punkt, immerhin mitten im Zentrum! Alte Schleswiger werden erinnern, daß vor dem Kriege ein Schuhgeschäft dort beherbergt war. In den turbulenten Nachkriegsjahren gab es im Parterre vorübergehend einen Barbetrieb. Später diente das langgestreckte Erdgeschoss als Ausstellungsfläche und Eisenwarenhandlung. Die ganze Ecke rief förmlich nach Belebung und Modernisierung. Auch im angrenzenden Backsteingebäude herrscht ja die menschliche vor der geschäftlich interessanten Ausstrahlung. Dort ist die Altentagestätte untergebracht.




Ein neues Glied in der Kette
ARKO machte den ersten Schritt zur Verschönerung und richtete eine ansprechend gestaltete Kaffee-Filiale ein. die Herren von Wipperführt hatten Schleswig schon lange "auf dem Kieker" gehabt. Normalerweise etabliert man sich in Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern. Aber die Schleistadt fehlte noch als harmonisches Glied in der weitverzweigten Kette von Filialen überall im Lande. In Heide wird übrigends in diesen Tagen eine weitere Filiale eingeweiht.

Ein Netz von 200 eigenen Fachgeschäften spannt sich quer über die kontinentale Landschaft. Einschließlich der Fabrikationsbetriebe reicht es von Flensburg nach Milano, von Österreich nach Lugano, vom "Wiegenland" der Firma, dem Rheinland, bis tief hinein nach Belgien und Frankreich.

Populär ist der Name Müller seit nahezu zwei Jahrzehnten, automatisch gekoppelt mit dem Zusatz "Wipperfürth". Dieser lange Firmenname bürgerte sich ein und wurde volkstümlich. Einheimische wissen, das das frühere Bekleidungswerk Liening in Kappeln auch dem Unternehmen eingegliedert wurde. Diese Bekleidungsfabrik erhielt kürzlich neue Geschäftsräume im Mittelpunkt der idyllischen Fischerstadt.

Hosen für Herren "Jedermann"
Manager, Praktiker und mutiger Unternehmer ist Alfons Müller in einem. Der Vater besaß eine Hosenfabrik in Mönchen-Gladbach. Früh machte sich der Sohn selbstständig, allein schon wegen der angestrebten Unabhänigkeit. Kurz nach der Währungsreform machte sein Name erstmals Schlagzeilen. (Später war es immerhin ein Magazin wie "Der Spiegel", das dem Unternehmer ein ganzes Titel-Porträt widmete). 1948 beteiligte sich Müller an dem sogenannten "Jedermann"-Programm. Er hatte in seinem jungen, aufwärtsstrebenden Betrieb eine Unmenge schwarzer Hosen produziert. Der Weg nach oben begann sozusagen mit den Hosen. Um sie zu verkaufen, mußte er nämlich über Land gehen und von Stadt zu Stadt. Das ergab unwillkürlich die Grundpfeiler für eine Vielzahl von Läden. Die legendären Beinkleider ebneten den Weg. Danach folgte auch die Produktion anderer unentbehrlicher Kleidungsstücke. Fahrende Stände wurden zu festen Lagern, später zu exclusiven Fachgeschäften.





Vierstufen-"Raumfahrts"-Programm
Als der gewaltige Nachholbedarf der ersten Jahre nach dem Kriege etwas abebbte, begann auch die Mode sich wieder heftig zu regen. In den Herren erwachte modischer Ehrgeiz. Auch sie verlangten nach wechselvoller, vielseitiger Kleidung, sportlich-salopp, farbig, festlich-elegant. Da wurde das erfolgreiche Verkaufsprinzip "Von der Fabrik direkt zum Kunden" in großem Rahmen vervielfältigt und ausgebaut.

Seitdem funktionier das Herstellungs- und Verkaufs-System ähnlich wie eine Vierstufen-Rakate. Stufe 1 sind die firmeneigenen Spinnereien. Von dort aus wird das bearbeitete Rohmaterial an die Wegereien geliefert. Es sind schon Müller-Stoffe, die anschließend in die Müller'schen Bekleidungswerke gelangen. Hier wird die Kleidung entworfen, zugeschnitten und genäht. Das Zentrallager in Leichtlingen hat die Aufgabe, die Produktionsware zu überprüfen und ferner für den reibungslosen Transport und Nachschub an die Verkaufsstellen zu sorgen. Die vierte Stufe befindet sich im viel zitierten Wipperfürth, wo die kaufmännische Zentrale der Verkaufs-GmbH eingerichtet ist.

Nach modernsten Gesichtspunkten gestaltet
In Schleswig stehen nach dem Umbau ungefähr 300 qm Gewerbefläche zur Verfügung. Außenfassade und Decke der Passage sind mit hellem Holz verschalt. Sockel und Wände sind interessante Kontraste in Schwarz und Weiß. Solide Pfleiler stützen die Front. Breite Schaufenster bilden Winkel vom Blickfeld des Einganges aus. Firmen-Dekorateure aus dem norddeutschen Raum gestalten Fenster und Räume nach den Entwürfen des Chef-Dekorateurs.

Der Laden ist sehr tief. Die niedrig gehaltene Decke verleit intimen Charakter. Sie wird durch gewölbte Fenster unterbrochen. Im Hinterland des Landens befinden sich Räume für die Schneiderei, Dekoration, sänitäre Anlagen sowie ein behaglicher Aufenthaltsraum für das Personal.

Horst Eberts sit der neue Geschäftsführer in Schleswig. Ihm stehen drei Verkaufskräfte, ein Schneider und ein Dekorateur zur Seite.

Ein ganzer Herr von der Stange
An Hand von Muster-Kupons kann der Kunde bei geringfügigem Preisaufschlag auch maßgeschneiderte Kleidung bestellen. Viele Extrawünsche werden erblassen angesichts der reichen und preisgünstigen Auswahl für jede Größe, jeden Geschmack und jeden Anlaß. Das Angebot füllt meterlange Kleiderstangen. Groß ist das Sortiment in Mänteln, Anzügen, Hosen und Jacken für Herren, Burschen und Knaben. Beat-Fans lieben die amerikanisch infizierte Mode. Schnittige Hosen im "Jugendstil" und die begehrten Parkas gibt es natürlich auch.

Berufskittel, Arbeitsjacken und -Hosen gehören zum Verkausprogramm, auch Anoraks in allen Größen und Farben.

Modisch aktuelle Tagesanzüge zeigen zum Teil den modisch-aktuellen "Chicago-Look", - breite Nadelstreifen, wie in den Goldenen Zwanzigern. Sport- und Oberhemden, Westen, Hüte, Krawatten, Tücher, kurzum alles, was die Kleidung eines Herrn perfekt und komplett macht, wird übersichtlich dargeboten.

Leitende Herren des Unternehmers hatten sich übrigend zur Eröffnung am 18. Oktober eingefunden. Sie sind zum Teil ständig im in- oder ausländischen Raum unterwegs. Ein Heer von 8000 erfahrenen Mitarbeitern ist bei Müller-Wipperfürth angestellt. Sie alle gewährleisten den glatten Ablauf eines weiten Weges von der Fabrik direkt zum Kunden. "Eigentlich", scherzten die wanderlustigen Müllers-Leut, "fehlt uns nur noch eine Schafherde in Australien. Dann wäre die Kette vollkommen!"



Kündigung, Zeugnis und Zwischenbescheinigung des Werkes Kappeln (pdf).


Quelle : Schleswiger Monatsheft November 1968