Im Jahr 1894 gab der Flensburger Hoffotograf Wilhelm Dreesen (1840-1926) eine Bilderserie heraus, die die "moderne, aufstrebende" Stadt Schleswig
und die Schlei zeigt. 50 Aufnahmen befinden sich in einer Mappe, die der Maler und Freund Wilhelm Dreesens, Alex Eckener aus Flensburg, grafisch gestaltet hat.
Die Bilder zeigen die Stadt vor der Jahrhundertwende mit ihren ca.16000 Einwohnern.
Dreesen eröffnete bereits 1865 als junger Mann in Flensburg ein Fotoatelier mit Filialien in Kiel un Kappeln und gelangte schnell zu Erfolgen, die ihm Auszeichnungen aus aller
Welt einbrachten. Seine Fotoaufnahmen gestaltete er mit den Augen der Freilichtmalerei des vorigen Jahrhunderts, indem er seine Bilder "komponierte" und ihnen zu besonderen
künstlerischen Ausdrucksformen verhalf. Mehrere Bildmappen hat Dreesen Ende des 19.Jahrhunderts herausgegeben, so auch diese von der Stadt Schleswig und der Schlei, der eine Beschreibung
von einem unbekannten Autor vorangestellt ist :

Blick über Schleswig
Die Stadt Schleswig und die Schlei
(unbekannter Autor, 1894)
Wer von Hamburg nordwärts fährt in die cimbrische Halbinsel hinein, bemerkt nach mehrstündiger Fahrt durch eine ziemlich eintönige, teilweise sogar öde
Gegend plötzlich zur rechten ganz unvermutet ein liebliches Städtebild : eine in weitem Bogen an und auf Hügeln hingelagerte Häuserkette, aus denen einige mächtige
Gebäude sowie mehrere hohe Kirchtürme emporragen. Das ganze spiegelt sich in einem breiten klaren Wasserbecken. Es ist Schleswig, die alte Haupt- und Residenzstadt des
Landes. Über den Namen und die Entstehung Schleswigs nur Weniges :
In den frühesten Zeiten wurde die Altstadt von den Angeln Haetheby, d.h. Hafenort, genannt, von den Sachsen Slieswig, d.h. Ort an der Schlei. Mit der Altstadt vereinigt wurden erst zu
Anfang des vorigen Jahrhunderts Lollfuss und Friedrichsberg. Schon im 9.Jahrhundert fing Schleswig an, ein bemerkenswerter Ort zu werden; und ein arabischer
Schriftsteller des 13.Jahrhunderts, Zacharia Ben Muhamed, sagt in seiner Geographie, betitelt "Mirabilia terrum": " Schlechswick ist eine sehr grosse Stadt am Rande des
Oceans; man findet da viele Quellen mit gutem Wasser und einige wenige Christen. Die Einwohner essen Fische und pflegen ihre Frauen zu verstossen." (Provinzialberichte
von 1818, VI, 625, citirt bei v. Schröder, S.18).
Zutreffender als dieses Urteil dürfte dasjenige sein, das der Premierleutnant Johannes von Schröder den Schleswigern im Jahre 1827 ausstellt und das wir auch
heute noch mit gutem Gewissen unterschreiben können: " Die Mitglieder aller Stände zeichnen sich durch Gutmütigkeit des Charakters, durch Reinheit der Sitten, Ordnungsliebe,
Verträglichkeit und grosse Gefälligkeit aus; dasselbe gilt auch von dem weiblichen Geschlechte, das zwar sein vorteilhaftes Äusseres durch die Wahl des Anzuges erhöht,
aber nicht, wie in manchen anderen Städten, einen verschwenderischen, oftmals geschmacklosen Putz zeigt." (Geschicht und Beschreibung des Stadt Schleswig, S.9).
"Die Bürger hegen eine besondere Anhänglichkeit an ihre Vaterstadt, und geben, ohne die Annehmlichkeiten anderer Städte zu verkennen, doch dem Aufenthalte in ihrem Geburtsorte
immer den Vorzug." (Ebendaselbst S.11).
Die Einwohnerzahl betrug zu Anfang des Jahrhunderts (nach der Zählung von 1803) 6518 Civilpersonen, 1343 Militärpersonen; jetzt gegen Schluß des Jahrhunderts (1894)
mag die Einwohnerzahl etwa 16000 betragen.

Das Regierungsgebäude
Wenn wir vom Bahnhof Friedrichsberg aus unsere Wanderung beginnen, erblicken wir bald das grossartige Regierungsgebäude, das sich in dem Mühlenteich spiegelt.
Dicht dabei erhebt sich ein Kanonendenkmal, zusammengesetzt aus bei Orleans erbeuteten Geschützen, von einem Adler gekrönt, am Sockel das Medaillenbild Kaiser Wilhelms.
An Denkmälern ist Schleswig sehr reich, vielleicht reicher als sonst Städte von seiner Grösse; war doch die Stadt bei den meisten historischen Ereignissen der Elbherzogtümer
stark beteiligt.
Am Lollfuss vor dem Amtsgerichte steht das Reventlow-Beseler-Denkmal, zum Gedächtnis an die beiden verdienstvollen Statthalter 1891 eingeweit.
Durch die Michaelisallee, die an dem hochgelegenen Bellevue vorbeiführt, gelangt man zu dem Kriegerdenkmal der im deutsch-französischen Kriege Gefallenen; am Südende von
Friedrichsberg erinnert ein Obelisk mit dänischer Inschrift an die in den Jahren 1850 und 51 gefallenen Dänen; auf der Landstrasse nach St.Jürgen liegt das Carstensdenkmal,
zur Erinnerung an den berühmten Maler, von deutschen Künstlern errichtet; ein Denkmal für Bellmann und Chemnitz, den Dichtern und den Componisten des Schleswig-Holstein-Liedes,
soll errichtet werden.
Vom Regierungsgebäude gelangt man, die Bahn überschreitend, nach dem ehrwürdigsten weltlichen Gebäude Schleswigs, dem Schloss Gottorp, auf einer Insel im Burgsee gelegen.
Ursprünglich ein Bischofssitz, wurde es später Residenz der Herzöge von Schleswig; im 16.-18.Jahrhundert bewohnten es die Herzöge der Gottorper Linie des Hauses Oldenburg.
Jetzt dient es als Kaserne. Die Schlosskirche enthält ein sehenswertes Kunstwerk, den in Holz geschnittenen Fürstenstuhl oder Betstuhl, welcher von italienischen Künstlern
gefertigt und neuerdings restauriert wurde.
Ehe wir den Lollfuss betreten, sehen wir rechts das altdeutsche Restaurant Schleihalle, mit weitem Blick über den breiten Wasserspiegel, aus dem der Möwenberg emportaucht.
Die Häuser der sauberen Strassen sind zum grossen Teil von Rosen umrankt, was ihnen ein überaus freundliches Aussehen verleiht. Rechts abschwenkend kommen wir auf den Domziegelhof
mit dem Gymnasium; am Stadtweg liegt das hübsche Postgebäude. Endlich erreichen wir die Hauptsehenswürdigkeit Schleswigs, den gotischenDom, dessen mächtiger Turm weithin sichtbar ist.
Das ursprüngliche Gebäude stammt aus dem frühen Mittelalter, wurde mehrmals zerstört und im 15.Jahrhundert wieder gebaut. Seit 1889 begann die Restaurierung und der Bau des stattlichen Turmes, der
jetzt vollendet ist und eine Höhe von 112 m erreicht. Den grössten Schatz des Domes bildet das berühmte Brüggemann´sche Altarblatt, das, ursprünglich für das Kloster Bordesholm bestimmt,
seit 1666 im Dom aufgestellt ist.
Statten wir noch dem in der Nähe liegenden Rathaus einen Besuch ab, so haben wir unseren flüchtigen Rundgang durch Schleswig an der Hand der Dreesen´schen Bilder beendigt.

Das Schleswiger Rathaus
Die unmittelbare wie die weite Umgebung der Stadt bietet ungemein viele anziehende Punkte. Überall Wald und Hügel und Wasser, ausserdem historische Erinnerungen mannigfacher Art, deren
hervorragenste wohl Idstedt mit seinem an die unglückliche Schlacht vom 24. und 25.Juli 1850 erinnnernden Denkmal.
Dicht bei der Stadt dehnt sich der prächtige Tiergarten aus, wo die Stampfmühle zur Einkehr einladet; auf der anderen Seite führt uns das Dampfschiff von einem anmutigen
Landschaftsbild zum anderen. Eine Fahrt die Schlei hinauf bis Kappeln gehört zu den lohnendsten und angenehmsten, die man sich denken kann; man möchte sie, ihrem idyllischen Charakter
gemäss, mit der Strecke Mainz nach Bingen vergleichen. Überall schmiegen sich grüne Wiesen und Äcker oder prächtige Buchenwälder an den vielfach gewundenen, stromartigen
Meerbusen; zahlreiche Dörfer, Güter einzelne Häuser beleben die Landschaft; neben den grauen Strohdächern leuchten rote Ziegeldächer und bilden einen schönen Kontrast zu dem saftigen Grün.
Zahlreiches, friedlich weidendes Vieh vervollständigt das Bild dieser lieblichen Hügellandschaft, die den Vorbeifahrenden zu längerem Verweilen, abseits vom Getriebe der grossen Welt, aufzufordern
scheint.
Bei der Abfahrt von Schleswig überblickt man noch einmal die um den innersten Winkel des Meerbusens malerisch hingelagerte Stadt, deren mächtiger Domturm noch lange als Wahrzeichen sichtbar bleibt.
Dann fährt das Schiff in die "grosse Breite" hinein, wo die Schlei ihre grösste nordsüdliche Ausdehnung erreicht.
Am fernen Ufer grüsst rechts Schloss Louisenlund aus seinem dichten Park heraus, dessen mancherlei sehenswürdige Punkte unsere Bilder festhalten; hier verlebte die deutsche Kaiserin Augusta Victoria
einen Teil ihrer Kindheit.
Nach einstündiger Fahrt verengt sich das Fahrwasser plötzlich, zu beiden Seiten treten hohe, steilere Hügel heran: Wir haben Missunde erreicht, wo 1848, 1850 und 1864 Gefechte zwischen
Deutschen und Dänen stattfanden. Wir passieren die Eisenbahnbrücke bei Lindaunis, die dem Verkehr der Flensburg-Kieler Bahn dient; hier, etwa in der Mitte der ganzen Strecke, pflegen sich die
Schleiauf- und Schleiabfahrenden Dampfschiffe zu begegnen.

Eisenbahnbrücke Lindaunis
Arnis, das bald folgt, hat ebenfalls 1864 eine Rolle gespielt; Prinz Friedrich Karl schlug hier eine Schiffbrücke über die Schlei. Nach im ganzen etwa 3 stündiger
Dampferfahrt taucht der Turm der hochgelegenen Kirche von Kappeln auf; rings herum klettern die schmucken Häuser des Städtchens empor, umgeben von saftigem Grün, bespült von dem Wasser
der Schlei. Eine Pontonbrücke verbindet das Städtchen mit dem gegenüber liegendem Ufer. In der Nähe des Ankerplatzes des Dampfers erhebt sich das Strandhotel auf einer sanften Anhöhe, mit schönen Anlagen
und Gelegenheit zum Baden; auch besteht Dampferverbindung mit dem eine halbe Stunde seewärts gelegenen Schleimünde. Kappeln hat saubere, freundliche Strassen, die durchweg mit elektrischem Lichte beleuchtet werden.
Eine Sekundärbahn führt in etwa drei Stunden durch die gesegnete Landschaft Angeln nach Flensburg.
Damit haben wir unsere Wanderung durch Schleswig und Umgebung beendet. Was das Wort nur unvollkommen zu schildern vermag, das geben Dreesens Bilder in vorzüglicher Weise
wieder. Möchten dieselben bei allen, die die schöne Schleistadt kennen und lieben, freundliche Aufnahme finden !
Wilhelm Dreesens Bilderserie von Schleswig sind
in diesem Album zu sehen, die Bilder, die entlang der Schlei aufgenommen wurden, befindet sich
in diesem Album.
Quelle : Schleswig von Wilhelm Dreesen 1894, Reprint 1986