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Der folgende Text stammt aus dem Buch „Erinnerungen eines alten Schleswigers“ (1891, neu herausgegeben von Heinrich Aug. Chr. Philippsen 1904) des Schleswiger Lichtgießer, Photograph, Zeichner und Schriftsteller Christian Nikolau Schnittger (1832-1896).

Auch ihr sollt nicht vergessen werden, ihr eigenartigen Leute aus der guten alten Zeit, die ihr mit so fremden Gesicht in die neue Zeit herüberschaut. Ihr habt stets an mir einen warmen Freund gehabt; ich habe euch sorgsam zwischen Papierblätter gelegt, wie die Botaniker es mit den Pflanzen machen, und hoffen will ich, daß auch der Leser seine Freude an euch habe. Du aber, altes Mütterchen in der alten Dachkammer, sollst den Anfang machen.

Die alte „Reepschlägersche“

Das Haus meiner Großeltern war ein altes Gebäude, mit hohem, spitzem Dach, und einen langen, tief in den Garten hineinreichenden Hintergebäude. Eine Wendeltreppe führte zu den oberen Räumlichkeiten und zu dem endlos langen dunklen Hausboden, der sein Licht nur durch wenige, in Blei eingefaßte kleine Scheiben empfing und ganz danach aussah, als ob hier allerlei Spuk sein Wesen treiben könne.
Das war nun gerade nicht der Fall, aber die Bewohnerin dieses Raumes, eine alte Frau, die überall „de ole Reepschlägersche“ genannt wurde, war ein so origenelles Wesen, wie es nicht besser zu dieser Umgebung passen konnte.

Sie lebte zu Anfang des vorigen Jahrhunderts und stand ganz allein in der Welt, ihr Mann war gestorben, und Kinder hatte sie nicht, dabei war sie bitter arm; niemals aber hat jemand sie traurig gesehen, sondern mit immer heiterem Gesicht trug sie ihre Dürftigkeit und hatte noch Worte des Trostes übrig für andere Bedrängte. Sie setzte das Gewerbe ihre verstorbenen Mannes insofern fort, als sie auf dem langen Boden sich eine Reiferbahn angelegt hatte, auf der sie Bindgarn spann. Da ging sie dann, während ihr ein Knabe nach den Schulstunden das Rad drehte, die Hede um den Leib gewickelt, rückwärts den Boden entlang und sang mit zitternder Stimme Gesänge, denn sie war eine gottesfürchtige Frau, wenn diese Gottesfurcht zuweilen auch in etwas wunderlicher Form zutage trat. Ihr Hausgerät war sehr dürftig, ein Bett, ein Tisch, ein paar wacklige Stühle und, als einziges Kochgeschirr, ein eiserner Topf, das war, neben ein paar Tassen und Tellern, alles.
In diesen Topf kam alles hinein, was sie an Resten von den Nachbarn erhielt, oft die verschiedensten Dinge durcheinander, so wurde es auch aufgewärmt und verspeist. Ebenfalls macht sie sich aus verschiedenen Kräutern, die sie an den Wegen sammelte, ein Gericht zurecht. Niemals aber setzte sie sich hin zu essen, ohne vorher einen Gesangvers aus einem Tischliede des alten Gesangbuches zu singen. Dies Gesangbuch war der Vorgänger unseres jetzigen „alten“ Gesangbuchs; ich besitze es noch und man sieht es demselben an, daß es wacker gebraucht ist.
Besuch erhielt die Alte außer gelegentlich von einem der Hausgenossen, nur von einer Person, einem Großneffen, der Maurerlehrling war. Zwischen diesem und einem großen Kater hatte sie ihre Liebe geteilt, doch besaß der Großneffe die größere Hälfte.

Wie gesagt, die Alte war eine gottesfürchtige Frau, Bibel und Gesangbuch lagen ihr immer zur Hand. Denn damals standen die Leute der Bibel nicht so fremd gegenüber, nicht so ablehnend und kritisch, wie leider Gottes jetzt. Dennoch aber übte die alte Frau Kritik, freilich nach ihrer origenelle Weise. Sie sitzt vor ihrer Bibel und liest im alten Testament die Geschichte, wie Abraham mit Gott unterhandelt wegen der Vertilgung Sodoms und Gomorrhas und wie der Herr dem Abraham verspricht, daß er die Stadt schonen wolle, wenn auch nur zehn Gerechte sich darin fänden. Die Alte legt die Bibel hin und sagt : „Dat har ick nich dahn ! Son Takeltüg ! De paar repterliche Lüd wer´n sacht heel herut kam´n. “ Dann nimmt sie eine Prise, lacht laut auf, und als rede sie den lieben Gott an, sagt sie : „Na, ick bin man en ol unverständige Frunsminsch, Du mußt dat jo beter weten.

Ebenso origenell war sie im Umgang mit Menschen. Ihre Wohnung, wenn man den langen Boden mit der Reiferbahn so nennen konnte, entbehrte alles dessen, was das Leben angenehm und bequem macht. Als aber meine Mutter sie einst deswegen bedauerte, erhielt sie zur Antwort : „Derrn, hef ick nich Kram genog ? Ick hef dree Stöhle un en bruk ick man. Wenn ick tofreden bin, wat geit di dat an ?
Anschaffen konnte sie sich natürlich nichts, dennoch hatte sie solange gespart, bis sie es erreicht hatte, sich ein Stück anzuschaffen, wonach ihr ganzes Sehnen stand, – ihren Sarg. Wenn damals Leichen auf Kosten des Armenwesens beerdigt wurden, dann erhielten sie einen Sarg, der streng genommen nur ein halber war, denn die obere Hälfte wurde einfach mit Brettern zugedeckt; „Nasenquetscher“ nannte man diese Särge deswegen auch nicht unpassend. Sie bildeten den Schrecken eines jeden Armen und um diesen aus ihrem heiteren Gemüt zu bannen, hatte „de ole Reepschlägersche“ sich ihren Sarg bei Lebzeiten machen lassen.
Nun war sie aber zu praktisch, um ein solches Stück Möbel unbenutzt stehen zu lassen, und so diente ihr der Sarg, der bei ihr auf dem Boden stand, als – Speisekammer. Sie verwahrte darin Reste von Speisen, den eisernen Topf, Kartoffeln, Äpfel und dergl.

Die Miete, die sie zahlte, war allerdings nur gering, aber auch hierzu reichte manchmal ihr kläglicher Erwerb nicht aus. Dann entspann sich wohl folgendes Gespräch zwischen ihr und meinem Großvater :
„Nawer, Miete krigt he dit Mal nich, ick hef nix.“
„Lewe Nawersche, dat kann ja töwen bet tot nächste Quartal.“
„Ne, ne, dor will ick nix von weten. Upsummen will ick dat nich laten; wi willn dat glieck afmacken, he krigt nix. – Wat seggt de Apostel ? – Herberget gerne.“

Das Ende vom Lied war natürtlich, daß mein Großvater nichts erhielt. Man möge aber nicht glauben, als sei dies ein Manöver der alten Frau gewesenm um von der Miete loszukommen. Durchaus nicht. Wenn sie es konnte, bezahlte sie die Miete pünktlich, sie gab überhaupt gerne, ja, sie gab oft das letzte, was sie hatte. Sonntags besuchte der erwähnte Maurerlehrling sie zuweilen. Sie mußte ihn doch bewirten. Sie geht nach ihrem Sarg, aber es ist nicht viel darin. Einen Apfel und zwei Zwiebacken legt sie ihm vor, dann lacht sie laut auf, schlägt die Hände zusammen und ruft aus : „Nu is alles all, nu kann minetwegen de jüngste Dag kamen, wenn he will.

Dieser Großneffe war nebenbei ihr Sekretär, und das hing so zusammen. Die alte Frau machte sich einen Erwerb daraus, um Neujahr geschriebene Glückwünsche zu verteilen, wofür sie dann ein Geldgeschenk erhielt, und da sie sich nicht mit Schreiben befaßte, so hatte der Neffe dies Amt übernommen. Dann saß er an den Sonntagnachmittagen bei ihr, schrieb die Wünsche und malte, je nachdem es zu dem Vers paßte, mit bunter Tusche eine schöne Rose darüber oder ein brennendes Herz, oder Glaube, Liebe, Hoofnung usw.
Die Alte war ihres sonderbaren Wesens wegen überall bekannt und so brachte diese Industrie ihr eine ganz gute Einnahme. Von dem Kanzler Spieß erhielt sie z.B. regelmäßig für ihren Glückwunsch einen Speciestaler.
Sie war aber durchaus nicht zudringlich, sondern ging nur dahin, wo sie wußte, daß die Gabe willig gegeben wurde. Es galt auch kein Ansehen der Person bei ihr. Einst begegnete sie im Winter im tiefen Schnee dem eben genannten Kanzler Spieß. Beide blieben voreinander stehen, der Kanzler natürlich in der Meinung, daß die Frau ihm ausweichen werde. Aber weit gefehlt. „De ole Reepschlägersche“ sieht ihn an und sagt : „Goden Dag ok ! Na, wer sall nu utwieken von uns beiden, he oder ick; mi dünkt, dat kun he woll dohn, denn he het Steweln an und ick man Klotzen.“ Und lächelnd trat der Kanzler beiseits in den Schnee und ließ die Alte vorüber.

Als sie älter wurde, stellten sich allerlei Gebrechen ein, und wenn sie sonst auch kerngesund blieb, so konnte sie doch nichts mehr erwerben. „Dat is nu bald ut mit mi ole Minsch„, pflegte sie zu sagen, „awer de lewe Gott het jowohl ok noch een beten Platz för mi in de Himmel, un wenn ick ok man eben binnen de Dör to staan kam, denn bin ick all gut tofreden.
Von Miete war jetzt gar keine Rede mehr. Was war zu machen ? Sie zu verstoßen, wäre ja ganz undenkbar gewesen, denn sie gehörte zum Hause, so gut wie der Boden, den sie bewohnte. Meine Großeltern haben sie noch einige Jahre beherbergt und verpflegt. Dann ist sie gestorben, in ihren selbstverdienten Sarg gelegt, und wie sie es wünschte, „schön“ begraben worden.

Quelle : C.N. Schnittger, Erinnerungen eines alten Schleswiger,
neu herausgegeben von Heinrich Aug. Chr. Philippsen, 1904

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