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An dieser Stelle veröffentliche ich einen Text aus dem Werk „Erinnerungen eines alten Schleswigers“ von C.N.Schnittger, das erstmals 1890/91 als Buch erschienen ist.

Das Gespenst

Gegen Abend schlich an den Häusern entlang eine Gestalt in einem hellgrauen, fast weißen Mantel, mit fünf bis sechs Kragen übereinander, wie man sie damals trug. So wie sie sich zeigte, hörte man von allen Seiten den Ruf : „Gespenst, Gespenst !“. Das Gespenst stand dann still und sagte in hohlem Ton langsam eine ganze Reihe Schimpfworte her, die stets in regelmäßiger Folge wiederkehrten, worauf es seinen Weg fortsetzte, um nach einigen Schritten wieder dieselbe Rede zu halten. Der Anfang derselben war stets : „Generalregimentspöbelzeug und Rabenvieh.“
Das Gespenst führte den für ein Gespenst eigentlich wenig passenden bürgerlichen Namen „Petersen“, war in seinem Berufe nach Advokat und bewohnte als Armenalumne das Marienhospital. Die Vergangenheit dieses Mannes wäre ohne Zweifel in psychologischer Hinsicht interessant gewesen, doch habe ich nie etwas darüber erfahren können.
Der Genannte war der vollständigste Menschenfeind, den man sich denken kann. Im Marienhospital wandelte er stumm wie ein Trappist umher; nur seine Schimpfreden unterbrachen gelegentlich diese Stille.

Auch in dem Kaufmannsladen, wo er seine Bedürfnisse bezog, sprach er nur so viel, als notwendig war, um seiner Wünsche auszudrücken. Er pflegte hier 4 verschiedene Teile für 1 Schilling (soviel wie 8 Pfennig) zu kaufen, ein Handel, bei dem der Kaufmann natürlich nicht reich werden konnte. Als der Käufer nun einst auf diesen Handel sich auch noch etwas Lakritzen erbat, und der Kaufmann ihm begreiflich machen wollte, daß er so wie so nichts bei dem Handel verdiente, nahm das Gespenst seine 4 Teile und wandte sich zum Gehen, warf aber dem Kaufmann einen vernichtenden Blick zu und verschwand mit dem Wort : „Blutsauger.“

Den Namen „Gespenst“ führte dieser alte Einsiedler nicht seiner gespensterartigen Erscheinung wegen, sondern aus einem anderen Grunde. Zu seinen Eigentümlichkeiten gehörte auch, daß kein menschlicher Fuß seine Schwelle übertreten durfte. Einst machten in der Apotheke, die dem Fenster seines Zimmers gegenüberlag, einige junge Leute sich den Spaß, mittels einer Laterna magica eine Figur an der Wand seines Zimmers erscheinen zu lassen. Von Entsetzen ergriffen, stürtze er sich auf die Straße mit dem Geschrei : „Ein Gespenst, ein Gespenst !“
Wo er sich nun nach diesem Vorfall sehen ließ, hieß es : „Ein Gespenst, ein Gespenst,“ sodaß dieses Wort schließlich sein Beiname wurde.

Wahrscheinlich gehörte er zu den Leuten, die den Kampf des Lebens nicht auszukämpfen vermögen, an der Menschheit verzweifeln, schließlich die Flinte ins Korn werfen und sich in einem Winkel verkriechen, um nichts mehr von der Welt zu sehen und zu hören.

 

Marienhospital

An dieser Stelle soll der böse Streich stattgefunden haben.
Links die alte Apotheke, in einem der Fenster wurde die „Laterna magica“ aufgestellt.
Rechts das Marienhospital, in dem „das Gespenst“ wohnte.

 

Ergänzende Hinweise zum Marienhospital :

Die Adresse : Süderdomstraße Nr.1 (IV.Quartier Nr.55/56)

Ermöglicht wurde der Bau dieses Hospitals mit den Mitteln der Altstädter Armenkasse, der Kommune und freiwilligen Beiträgen von Bürgern und Standespersonen, u.a. vom damaligen Bürgermeister Georg Bruyn. Die Hospitalstiftung besaß ein Eigenkapital in Höhe von 600 Mark Silber.

Den Grundstein des Marienhospitals legte am 08.September 1790 die Königin Maria von Dänemark, sie war die älteste Tochter des Landgrafen Carl von Hessen und vermählte sich erst kurz vorher mit Friedrich VI (Hochzeitsfeierlichkeiten fanden auch auf der Freiheit statt).
Das zweistöckige Marienhospital verfügte über 26 Räume, die zur Aufnahme von 36-40 unbemittelten Personen bestimmt waren. Die dort untergebrachten Armen erhielten außer einer Wohnung mit Feuerung auch eine Geldunterstützung und durften ein Stück des rückwärtigen Gartenlandes nutzen. Heute gehört das Gebäude zum städtischen Altenheim.

 

Marienhospital

Das Marienhospital, Süderdomstraße 1
Marienhospital

Tafel über der Eingangstür

 

Auf der in lateinischer Sprache abgefaßten Grundsteinurkunde standen laut Joh.v.Schröder folgende Worte (Übersetzung) :

Armenhaus, dessen Grundstein gelegt und das mit ihrem Namen geschmückt hat, Maria, die Gemahlin Friedrichs, des Erben des dänischen Reiches, in Gegenwart Friedrichs, ihres Gatten, Carls und Luisens, ihrer Eltern, Juliana, ihrer Schwester, Friedrichs und Christians, ihrer Brüder, am 8.September 1790, nachdem deren höchstdenkwürdigen Hochzeit mit Friedrich, des Dänenkönigs Christian VII. Sohn, am 31.Juli zu Schleswig feierlich begangen worden.

Quellen : C.N.Schnittger, Erinnerungen eines alten Schleswigers, Neuauflage Philippsen, 1904
Heinrich Philippsen, Alt-Schleswig
Joachim Skierka, Schleswig in der Statthalterzeit 1711-1836

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